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Gesundheitsreform soll gestoppt werden

Wednesday, October 27th, 2010

Mit einem Antrag im Bundesrat wollen 8 Bundesländer, in denen die SPD an der Regierung beteiligt ist, die von der Bundesregierung geplante Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kippen.

In dem Antrag von Brandenburg, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden unter anderem eine gleichmäßige Finanzierung der Gesundheitskosten durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefordert und „unsoziale Kopfpauschalen“ abgelehnt. [Quelle: Aerzteblatt.de/DAPD]

Die Bundesregierung hatte Ende September umstrittene Neuregelungen zur Finanzierung des Gesundheitswesens auf den Weg gebracht. Das Kabinett verabschiedete den Entwurf eines GKV-Finanzierungsgesetzes (Kabinettsbeschluss des GKV-Finanzierungsgesetzes, GKV-FinG) von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP).

Krankenversicherung 2011

Kernpunkte sind die Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes auf 15,5 Prozent ab dem Jahr 2011, umfangreiche Sparmaßnahmen sowie die Einführung von Zusatzbeiträgen allein für die Versicherten. Diese können die Krankenkassen in Zukunft theoretisch in unbegrenzter Höhe verlangen. Damit sei der Einstieg in ein System einkommensunabhängiger Beiträge erreicht, betonte Rösler. [Quelle: Aerzteblatt.de]

Private Krankenversicherungen erhalten auf Wunsch der Koalition ein Monopol auf privat zu versichernde Zusatzleistungen. Den gesetzlichen Krankenkassen ist es verboten, mit den Privaten im Wettbewerb zu stehen.

Angestellte, die gut verdienen, werden künftig wieder schon nach einem Jahr (anstatt nach drei Jahren) Wartezeit zu einem privaten Versicherer wechseln und so der Solidargemeinschaft den Rücken kehren dürfen. Außerdem sollen im kommenden Jahr Besserverdiener bereits ab einem Jahresbrutto von 49.500 Euro das Solidarsystem der Kassen verlassen können. Derzeit liegt die Grenze bei 49.950 Euro. [Quelle: Focus.de]

Kopfpauschale mit Sozialausgleich

Ein Sozialausgleich erfolgt erst, wenn der „durchschnittliche Zusatzbeitrag“ zwei Prozent des Brutto-Einkommens übersteigt. Für einzelne Versicherte kann der Zusatzbeitrag also durchaus höher als zwei Prozent liegen, wenn seine Krankenkasse einen Beitrag benötigt, der über dem Durchschnitt der anderen Kassen liegt. Bei Kassen mit vielen älteren oder gering verdienenden Mitgliedern wird dies erfahrungsgemäß am ehesten der Fall sein.

Gesundheitsminister Rösler hat wiederholt erklärt, man könne ja die Kasse wechseln, wenn der Zusatzbeitrag zu hoch werde. Er verschwieg, dass Versicherte in solchen Fällen für mindestens drei Jahre an ihre Kasse gebunden sind. Die bislang üblichen Wechselmöglichkeiten entfallen.

Auch Arbeitslose müssen die Kopfpauschale entrichten, wenn sie Arbeitslosengeld I erhalten, also in der Regel weniger als ein Jahr arbeitslos sind. Bei den Empfängern von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) soll die Kopfpauschale wie der Sozialausgleich aller Versicherten aus Steuermitteln bestritten werden.

Wer den Zusatzbeitrag nicht bezahlt, muss mit einer Strafe rechnen. Das Gesetz erlaubt den Krankenkassen, einen „Säumniszuschlag“ von mindestens 30 Euro zu erheben. Die Höchststrafe liegt beim Dreifachen des Zusatzbeitrages, das sind bis zu 225 Euro.

Vorbild Niederlande?

Angeblich soll die Einführung der Kopfpauschale für mehr Wettbewerb zwischen den Kassen sorgen. Nach den neoliberalen Vorstellungen des FDP-Gesundheitsministers sollen dadurch die Ausgaben begrenzt werden. Doch das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, wie ein Blick über die Landesgrenze belegt.

In den Niederlanden, wo die Finanzierung der Gesundheitsausgaben schon vor vier Jahren auf Kopfpauschalen umgestellt worden ist, sind die Ausgaben dennoch stärker gewachsen als in Deutschland. Die Krankenversicherungen in den Niederlanden reagierten darauf mit steigenden Kopfpauschalen. Inzwischen sind 80 Prozent der Versicherten auf staatliche Unterstützung angewiesen, weil sie sich die Prämien anders nicht leisten können.

Ärzte und Krankenhäuser müssen sparen

Der Entwurf der Bundesregierung sieht außerdem für Kliniken und Ärzte verdeckte Kürzungen vor, die vor allem zu Lasten der Beschäftigten in den Kliniken und der Patienten gehen werden. Da auch die Ausgaben bei so genannten „extrabudgetären Leistungen“ gedrosselt werden, sind Einschränkungen bei der Gesundheitsversorgung und die Rationierung von medizinischen Leistungen vorprogrammiert.

Denn zu den „extrabudgetären Leistungen“ zählen beispielsweise Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen, ambulantes Operieren und die Dialyse. Auch bei den Zahnärzten sollen die Preissteigerungen 2011 um 20 Millionen Euro und 2012 um 40 Millionen Euro gekürzt werden. [Quelle: wsws.org]

Mediziner fordern Korrektur

Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bund Bundesverbandes (Bildquelle: marburger-bund.de)

Der Marburger Bund appelliert als Interessenvertreter der Mediziner an die Bundesregierung, Korrekturen im GKV-Finanzierungsgesetz vorzunehmen: “Die in der GKV-Finanzierungsreform vorgesehene Halbierung der Grundlohnrate für die Jahre 2011 und 2012 als Obergrenze für den Anstieg der Preise für akutstationäre Krankenhausleistungen und die Krankenhausbudgets von psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen ist willkürlich und unangemessen” sagte Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer des Marburger Bundes, gestern vor der öffentlichen Anhörung des Bundestagsausschusses für Gesundheit zum GKV-Finanzierungsgesetz. [Quelle: verbaende.com]

Neue Belastungen für Kassenpatienten erwartet

Nach einer aktuellen Umfrage messen die Deutschen der anstehenden Gesundheitsreform hohe Bedeutung zu, obwohl sie deren Inhalte kaum kennen. Von 270 Befragten gaben 53 Prozent an, die Inhalte der Reform gar nicht oder nur teilweise zu kennen.

Dennoch trauten sie sich zu, die Effektivität der geplanten Maßnahmen zu bewerten. Nicht überraschend fällt die Einschätzung der Befragten darüber aus, welche Gruppen am stärksten von der Reform belastet werden. Erwartungsgemäß stehen hier die gesetzlich Versicherten an erster Stelle. [Quelle: pharmazeutische-zeitung.de]

Wer zahlt Honorarplus der Ärzte?

Thursday, October 7th, 2010
Philipp Rösler

Philip Rösler (FDP) Bildquelle: sueddeutsche.de

Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) verkündet, dass die Erhöhung der Honorare der Kassenärzte die Versicherten nichts “zusätzlich” kosten wird. Das Honorarplus der Ärzte werde durch die Erhöhung der Versicherungsbeiträge von 14,9% auf 15,5% finanziert.

Nach Einschätzung von Minister Philip Rösler (FDP) wird die Erhöhung der Kassenarzt-Honorare die Versicherten nichts kosten. Im Deutschlandradio sage Rösler am Mittwoch, das Honorarplus werde aktuell nicht zu Mehrkosten für die Versicherten führen. Die anstehende Beitragserhöhung der gesetzlichen Krankenkassen von 14,9% auf 15,5% reiche zu Finanzierung aus.

Die gesetzlichen Krankenkassen würden nicht gezwungen einen weiteren Zusatzbeitrag zu verlangen, sagte Rösler. Von der Ärzteschaft erwarte er aber ebenfalls einen Sparbeitrag von 3,5 der ingesamt 9 Milliarden Euro, die eingespart werden sollten. Krankenkassen und Ärzte hatten sich am Dienstag in einem gemeinsamen Bewertungsausschuss auf ein Honorarplus von mehr als 1 Milliarde Euro geeinigt.

Krankenkassen die eine Nullrunde angestrebt hatten, wurden durch den unabhängigen Sachverständigen überstimmt. Der Spitzenverband hatte kritisiert, dass die Erhöhung der Honorare zu Lasten der Beitragszahler gehe.

Von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wird die von den Kassen genannte Summe von 1 Milliarde Euro angezweifelt. KBV-Chef Andreas Köhler sagte gegenüber dem TV-Sender n-tv: “Wir haben am gestrigen Tage eine Zuwachssituation geschaffen, die sich auf 675 Millionen beziffert und nicht auf eine Milliarde”. Dieser Betrag sei in der von Rösler vorgesehenen Beitragserhöhung berücksichtigt.

Private Krankenversicherung: Gescheitert und beschenkt?

Tuesday, September 21st, 2010

Anne Will diskutierte über Zweiklassenmedizin (Bild: NDR)

Am Wochenende gab es in der ARD eine Talkshow zum Thema “Solidarität ade – Fördert Schwarz-Gelb die Zwei-Klassen-Medizin?”. Über die anstehende Gesundheitseform diskutierten Karl Lauterbach (SPD), Jens Spahn (CDU), Ines Pohl, Roland Tichy und Volker Leienbach mit Anne Will. Eine Aufzeichnung der gesamten Sendung kann man hier in der ARD Mediathek sehen.

Gibt es eine Zweiklassenmedizin? Joachim Mohr schreibt dazu in seiner Kolumne bei Spiegel Online:

Was für eine Frage! Na klar, die gibt es! Und zwar schon lange! Wer anderes behauptet, der sollte schnellstens einen Arzt aufsuchen. Was mich so sicher macht? Ich habe als Kranker eine ziemlich große Karriere hingelegt. [...]

Sicher, wenn Sie in Deutschland mit Blaulicht in die Notaufnahme rauschen, ist es egal, ob Sie Kassen- oder Privatpatient sind – Sie werden gleich gut verarztet. [...] Sobald es sich nicht um einen brenzligen Fall handelt, sondern um irgendetwas zwischen Asthma, Bandscheibenvorfall und Blasenentzündung, sind Sie als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ohne jeden Zweifel nur zweite Wahl. [...] Das belegen Studien, das habe auch ich bei Arztbesuchen unzählige Male am eigenen Leib erfahren. [Quelle: Spiegel]

Dass es eine Zweiklassenmedizin bereits gibt, kann kaum bezweifelt werden. Nicht ohne Grund fühlen sich laut einer noch unveröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung 90% der Kassenpatienten gegenüber Privatpatienten benachteiligt. Die Frage ist also eher, ob ein solcher Zustand gewünscht oder akzeptabel ist und ob man ihn ändert bzw. wie.

Private Krankenversicherung: Neid auf ein gescheitertes Modell?

Wolfgang Wagner fordert in seinem Leitartikel in der Frankfurter Rundschau, gesetzliche und private Krankenversicherung in ein gemeinsames System zu überführen:

Privat oder Kasse? Millionen Mal wird diese Frage auch heute Patienten wieder gestellt werden. Es ist die Frage, die in Deutschland am Anfang jeder medizinischen Behandlung steht. Die Antwort entscheidet darüber, wann ein Kranker einen Arzttermin bekommt, welche Tabletten er schluckt oder ob er Massagen erhält. Neidisch blicken viele Kassenmitglieder auf die Erste-Klasse-Patienten, die in Kliniken oder Praxen dezent ins Nebenzimmer begleitet werden, damit ihre Vorzugsbehandlung nicht so sehr auffällt. [...]

Das Modell der privaten Krankenversicherung (PKV) ist gescheitert. [...] Jeder versucht, das meiste für sich herauszuholen − dieses Prinzip konnte auf Dauer nicht gutgehen. Das fängt beim Versicherten an: Es ist einfach zu verlockend, als junger Mensch wenig für den Krankenschutz zu zahlen und dann noch die sündhaft teure Brille erstattet zu bekommen. Die Versicherung zahlt, also nimmt man es auch. [...]

Stattdessen ist es nun höchste Zeit, die Trennung zwischen privatem und gesetzlichem System aufzuheben. [...] Das Überführen der beiden Systeme in ein gemeinsames, auf Solidarität angelegtes ist kompliziert und ein langer Prozess. Aber er muss begonnen werden. [Quelle: FR Online]

Sind die jüngsten Pläne der Regierungskoalition (wir berichteten unter der Überschrift “Neue Gesundheitsreform: Private Krankenversicherung profitiert”) ein Schritt zur Vereinheitlichung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung?

Konkurrenzverbot für Krankenkassen, Reisefreiheit für Kassenpatienten

Zunächst scheint es eine Umverteilung (Analysten nennen einen Umfang von ca. 1 Milliarde Euro) von der GKV zur PKV zu sein. Die Grenze zwischen den beiden Systemen wird neu gezogen, die Regeln für Grenzübertritte werden (klar zugunsten der PKV) geändert und Kooperationen erlaubt bzw. vorgeschrieben:

Krankenkassen dürfen keine Wahltarife mehr anbieten sondern müssen sich auf eine einheitliche Versorgung beschränken. Gesetzliche Versicherte können schneller bzw. bei geringerem Einkommen in eine Privatversicherung wechseln. Und private Krankenversicherungen profitieren von günstigen Preisen für Arzneimitteln, die von Krankenkassen mit den Pharmakonzernen ausgehandelt werden.

Doch genau an dieser Stelle scheint auch eine Vereinheitlichung bzw. Angleichung von GKV und PKV zu beginnen. Der stellvertretende Chefredakteur der Ärzte Zeitung, Helmut Laschet, ist eine der bisher wenigen Stimmen, die darauf hinweisen:

[Die private Krankenversicherung] kassiert – gegen eine Management-Gebühr – alle Kostenvorteile, die der Bundesausschuss und der GKV-Spitzenverband erarbeiten, wohlgemerkt nach den Prinzipien der Kassenmedizin. Damit nivelliert sich die Arzneiversorgung in der PKV.

Und der nächste Schritt? Der könnte die Ärzte treffen. Die GOÄ-Novelle steht an. Und dabei haben die Sparkommissare in Bund und Ländern ein gewichtiges Wort mitzureden. Auch das könnte die PKV Profil kosten. [Quelle: Ärzte Zeitung]

Werden die geplanten Reformen, falls sie durchgesetzt werden, wirklich die zukünftige Versorgungsqualität in der PKV verringern bzw. auf das Niveau der GKV angleichen? Und wäre das im Interesse der privaten Versicherer und privat Versicherten?

Zweifelsohne müssen nicht nur die gesetzlichen Krankenkassen sondern auch die Versicherungsunternehmen sparen und können nicht langfristig jedem Versicherten alles medizinisch machbare unabhängig von den Kosten bezahlen. Sonst würden ihre Beiträge für fast alle unbezahlbar.

Existenzgrundlage und Stärke der PKV sind ihre höheren Leistungen

Andererseits kann den Versicherungsunternehmen auch nicht daran gelegen sein, ihre Leistungen denen der Krankenkassen zu sehr anzugleichen, weil sie dadurch ihre Existenzgrundlage verlieren würden. Günstige Monatsbeiträge sind für viele ihrer Kunden angenehm, jedoch nicht das wichtigste.

Denn obwohl sie teilweise auch günstiger sind als gesetzliche Krankenversicherungen liegt die eigentliche Stärke der PKV in ihren höheren Leistungen für die Versicherten: Der größeren Auswahl an besonders qualifizierten Ärzten, neueren und umfangreicheren Behandlungen sowie teureren Medikamenten.

Falls die PKV zu viel von der GKV “geschenkt” bekommt — nicht nur günstigere Arzneipreise sondern auch geringere Aufnahmehürden, finanzschwächere Versicherte, restriktivere Leistungskataloge und Gebührenordnungen etc. — dann könnte ihr das sehr schlecht bekommen.

Manche Kritiker meinen, dass die aktuellen Reformpläne direkt aus der Feder von Lobbyisten der PKV stammen. Wenn diese Reformen jedoch tatsächlich auch erste Schritte zur einer fortschreitenden Angleichung der privaten an die gesetzliche Krankenversicherung sind, wird sich das scheinbare Geschenkpaket für private Krankenversicherungen womöglich (zumindest aus Sicht der PKV) noch als Büchse der Pandora herausstellen.

Mit dem Öffnen der Büchse der Pandora brach nach der griechischen Mythologie alles Schlechte über die Welt herein, doch sie brachte auch die Hoffnung. Zuvor hatte die Menschheit keine Übel, Mühen oder Krankheiten gekannt. Heute ist das „Öffnen der Büchse der Pandora“ der Inbegriff für das Stiften nicht wiedergutzumachenden Unheils. [Quelle: Wikipedia]

Veröffentlicht am 21. September 2010 im Beste Private Krankenversicherung Nachrichten Blog.
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Neue Gesundheitsreform: Private Krankenversicherung profitiert

Sunday, September 19th, 2010
Krankenversicherung

Zur Zeit häufen sich die Meldungen über Pläne der Regierungskoalition, von denen private Krankenversicherungen und Privatversicherte profitieren.

CDU/CSU und FDP bereiten diverse Änderungen im Gesundheitswesen vor, die offenbar größtenteils zu Lasten von Krankenkassen und Kassenpatienten gehen werden.

Eine kommentierte Presseschau mit Zitaten aus aktuellen Zeitungsbeiträgen und online veröffentlichten Artikeln:

Die Bundesregierung rüttelt erneut an der strikten Trennung zwischen den gesetzlichen Krankenkassen  (GKV) und privaten Krankenversicherern (PKV). Künftig sollen offenbar alle Versicherungsanbieter für neue Medikamente denselben Preis zahlen. Bislang handelt der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen mit den Herstellern die Konditionen aus, die aber nur für seine Mitglieder und nicht für die privaten Versicherer gelten.

Es ist nicht die erste Neuerung der vergangenen Wochen, welche den privaten Krankenversicherern zugutekommt. Zuvor hatten die Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition angedacht, dass gesetzliche Krankenkassen künftig keine Zusatzleistungen wie Einbettzimmertarife oder Chefarztbehandlung anbieten dürften. Außerdem sollten junge Gutverdiener bereits nach einem Jahr Wartezeit in eine PKV wechseln können; bislang beträgt die Frist drei Jahre. Diesen Zeitpunkt zu wählen, ist für die gesetzliche Konkurrenz besonders schlecht. Denn die ist gezwungen, zum gleichen Zeitpunkt die Beiträge kräftig anzuheben. Für potentielle Kunden bietet sich also ein doppelter Anreiz für einen Wechsel.

Die privaten Krankenversicherer locken mit niedrigen Prämien Gutverdiener aus den Krankenkassen an. Jetzt will die Regierungskoalition die privaten Versicherer beschenken. SPD, Grüne und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) verurteilten das Vorhaben als Zumutung für die Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherungen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach von einer Klientelpolitik zu Lasten der Beitragszahler in der gesetzlichen Krankenversicherung. Weil nun viele Gutverdienende in die PKV wechselten, werde der Beitrag für die GKV steigen. Die Grünen-Politikerin Biggi Bender sagte: “Für die PKV lacht die Sonne. Den Schaden haben die GKV-Versicherten.” [Quelle: Süddeutsche]

Reform gegen Preisgestaltung der Pharmakonzerne?

Anders als zahlreiche Kritiker und Kommentatoren sieht die FDP die geplanten Änderungen nicht als Geschenk an die Private Krankenversicherung sondern als Werkzeug gegen unnötige Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen von Pharmakonzernen:

Damit wolle man verhindern, dass die Pharmaindustrie sich die Summen bei den Privaten wiederhole, die sie bei den Gesetzlichen als Rabatt gewähren müsse, sagte die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Ulrike Flach. [Quelle: RP Online]

Geschenk doch noch in Rechnung gestellt

Nachdem schnell scharfe Kritik darüber laut wurde, dass die geplanten Reformen einseitig zugunsten der PKV gehen, hat die Regierungskoalition ihre Pläne noch in einem Detail geändert:

Die privaten Krankenversicherer (PKV) müssen an die gesetzlichen Kassen zahlen, wenn sie die gesenkten Arzneimittelpreise übernehmen wollen. Darauf einigten sich am Montag die Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition. Konkret geht es dabei um die Kosten,  die anfallen, wenn der Nutzen eines Medikaments untersucht wird. Diese Erhebung dient nach dem von FDP und Union geplanten System als Voraussetzung, um den Preis der Arznei verhandeln zu können. Nach Angaben aus der Koalition sollen die Privaten etwa zehn Prozent der Summe übernehmen, die für die Prüfungen anfallen. [Quelle: Süddeutsche]

Neuer Grenzverlauf: Einseitig durchlässig?

GKV und PKV sollen zwar künftig die gleichen Preise für Arzneimittel bezahlen und verstärkt zusammenarbeiten, jedoch als getrennte Systeme bestehen bleiben:

Bestimmte Regelungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sollten “analog angewandt werden”, sagte Sprecher Christian Lipicki. Dies bedeute aber nicht, dass die Trennung zwischen beiden Systemen aufgeweicht werde. Beide Systeme blieben getrennt bestehen, sagte Lipicki am Montag in Berlin und bestätigte damit einen Bericht der “Financial Times”. [Quelle: RP Online]

Es wird offenbar weiterhin eine Trennung zwischen GKV und PKV geben, die Grenze aber nicht für beide Seiten gleich strikt gelten:

Die Gesundheitspolitiker der CDU wollen die Grenzen zwischen GKV und PKV zugunsten der Privatversicherer neu ziehen: Einerseits sollen dabei die Möglichkeiten der gesetzlichen Krankenkassen eingeschränkt werden, Wahltarife mit PKV-Charakter anzubieten. Anderseits befürworten Jens Spahn, Karin Maag und Dr. Rolf Koschorrek in einem gemeinsamen Positionspapier den Ausbau der Kooperation von GKV und PKV beim Vertrieb von Zusatzversicherungen und beim gemeinsamen Einkauf von Leistungen wie Hilfsmittel und über Arzneimittelrabattverträge.

Verzichten sollen nach dem Willen der drei CDU-Politiker die gesetzlichen Kassen künftig auf Wahltarife zur Chefarztbehandlung, für Auslandskrankenversicherung, für Ein/Zweibettzimmer und Zahnersatz. Zusatzversicherungen für Chefarztbehandlung, Zahnersatz etc. sollten “ausschließlich privaten Krankenversicherern” vorbehalten bleiben. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Angeblicher Nutzen für Kunden von PKV und GKV

Laut FDP soll das Verbot für Krankenkassen, Wahltarife anzubieten, die gesetzlich Versicherten schützen:

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Daniel Bahr (FDP), sagte der “Ärzte Zeitung”, es gehe primär darum, die Tarifangebote von privater und gesetzlicher Krankenversicherung sauber voneinander zu trennen. Gesetzlichen Kassen [war es bisher] erlaubt, ihren Versicherten Tarife anzubieten, die ihnen beispielsweise im Krankenhaus eine Chefarztbehandlung oder eine Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer ermöglichen. “Wir sehen hier eine Vermischung gerade aus Sicht der Versicherten, die in den Wahltarifen weniger Schutz haben als in privaten Versicherungen, weil für sie das Versicherungsvertragsgesetz nicht gilt”, sagte Bahr. [Quelle: Ärztezeitung]

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Cornelia Yzer, kritisiert die Reformpläne als Systembruch:

Es sei natürlich problematisch, wenn die PKV jetzt ein Gleichziehen in der Preispolitik mit der GKV fordere und auf der anderen Seite aber Schutzzäune gegen die gesetzlichen Krankenkassen hochziehen wolle. „Da stellen sich verfassungsrechtliche Fragen, die gelöst werden müssen“, sagte Yzer.

Yzer wies die Vermutung zurück, dass bei Arzneimitteln für Privatpatienten und GKV-Versicherte erhebliche Preisunterschiede bestünden: „Die gibt es nicht.“ Die Arzneimittelpreisverordnung regele für alle Versicherten die Arzneimittelpreise gleichermaßen. Unterschiede bestünden nur, „wenn Rabatte ausgehandelt wurden“. Die PKV habe seit langem selbst Rabattverhandlungen mit den Herstellern führen können. Dies aber nicht getan. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Kostenbegrenzung für Arbeitgeber und PKV gegen das Defizit der GKV?

Gesundheitsminister Rösler versucht Skeptiker und Kritiker zu beschwichtigen:

Auf dem 1. Berliner Forum für Wirtschaft und Gesundheit, veranstaltet von der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), sagte Rösler: “Lassen Sie sich nicht blenden durch die kurzfristigen Reformmaßnahmen für 2011.”

Als Rechtfertigung verwies Rösler auf das erwartete Defizit der gesetzlichen Krankenkasse im kommenden Jahr in Höhe von mindestens zehn Milliarden Euro. Leicht falle es einem liberalen Minister nicht, “eher dirigistische Maßnahmen” wie Zwangsrabatte und Preisstopp im Arzneimittelsektor vorzuschreiben. Das sei aber kurzfristig akzeptabel, weil die Bundesregierung zugleich strukturelle Änderungen durchsetze, sagte Rösler.

Vor allem werde der Arbeitgeberbeitrag dauerhaft festgeschrieben und damit die Kostendynamik im Gesundheitswesen von den Lohnkosten abgekoppelt. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Ob diese Ausführungen Arbeitnehmer, Kassenpatienten und deren Interessenvertreter überzeugen bleibt wohl fraglich. Der angedachte Sozialausgleich für einkommensschwache gesetzlich Versicherte scheint jedenfalls noch keine konkrete Form angenommen zu haben:

Um die umstrittenen Zusatzbeiträge plus Sozialausgleich für Kassenpatienten ringt die Koalition weiter. Der Chef der CSU- Landesgruppe im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, sagte, Detailfragen müssten noch geklärt werden. Laut Entwurf sollen die Kassen die Daten sammeln und dem Arbeitgeber mitteilen, welches Einkommen er beim Sozialausgleich zugrundelegen soll. Die Auskunftspflicht der Arbeitnehmer zu ihre Einnahmen soll erweitert werden.

Die Arbeitnehmer sollen Kostensteigerungen bei Gesundheit künftig allein über nach oben offene Zusatzbeiträge schultern und unter Umständen einen Sozialausgleich bekommen. Für 2011 wird damit noch nicht gerechnet, weil zunächst der Beitragssatz von 14,9 auf 15,5 Prozent steigen und das erwartete 11-Milliarden-Defizit der Kassen mindern soll. [Quelle: Focus]

Politiker wollen Arzneimittel zukünftig selbst bewerten

Das Magazin Focus berichtet auch von weitergehenden Plänen der Koalition:

Um die Arzneimittelpreise weiter zu senken, will die schwarz-gelbe Bundesregierung sich künftig zudem stärker in die Bewertung neuer Medikamente einmischen und dem Einfluss von Ärzten und Krankenkassen entziehen. Demnach soll das Gesundheitsministerium per Rechtsverordnung die Kriterien festlegen, nach denen sich der zusätzliche Nutzen bemisst, den ein neues Arzneimittel bietet. Diese Kriterien sind wichtig, entscheidet der Zusatznutzen doch künftig über die Preise, die die Hersteller für ihre neuen Medikamente verlangen können.

Bislang war die Aufgabe der Kosten-Nutzen-Bewertzng neuer Arzneimittel beim Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen verortet – auch, weil man bei der Bewertung nicht auf medizinischen und gesundheitsökonomischen Sachverstand verzichten wollte. Das soll sich nun offenbar ändern.

In Koalitionskreisen hieß es, künftig sollten weichere Kriterien wie die Patientenzufriedenheit eine größere Rolle in der Nutzenanalyse spielen. Ob Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) dem folgt, sei zwar noch offen. Allerdings hätten die Fraktionen ihre Wünsche bereits in einem Änderungsantrag abgestimmt. Darin sei auch eine Klausel enthalten, die es den Konzernen erlauben würde, ganz aus dem Regime der Nutzenanalysen auszusteigen. So sollen Arzneimittel „mit nur geringer wirtschaftlicher Bedeutung“ von dem Kontrollregime ganz befreit werden. Die Einschätzung, wie stark sich ein Medikament verkauft, solle der Hersteller liefern, heißt es in dem Antrag, der der Zeitung vorliegt. [Quelle: Focus]

Reformplan aus der Feder der Pharmakonzerne?

FR Online weiß zu berichten, woher die Pläne der Koalition stammen. Interessanterweise nämlich offenbar von jenen, die durch in Deutschland stark überhöhte Arzneipreise große Gewinne machen:

Die Pharmaindustrie schröpft das deutsche Gesundheitssystem mit stark überhöhten Preisen, sagen Analysten. Neun Milliarden Euro ließen sich sparen, wenn Arznei hier so teuer wie in Schweden wäre. Der neue Arzneiverordnungsreport hat ergeben, dass die Pharma-Industrie das deutsche Gesundheitssystem in weit stärkerem Maße als bisher bekannt mit stark überhöhten Medikamenten-Preisen schröpft.

Der Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, Ulrich Schwabe, betonte, trotz einiger Eingriffe der Politik seien Arzneimittel in Deutschland immer noch deutlich teurer als in anderen europäischen Staaten. Die Versicherung der Pharmaindustrie, dass die Mittel hier nicht teurer angeboten würden als in anderen Industriestaaten, sei falsch und „manipuliert“. Denn Länder mit sehr niedrigen Preisen wie Frankreich, Spanien oder Italien seien in Vergleichsstudien des deutschen Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller einfach weggelassen worden. Würde man die Generika-Preise in Deutschland nun auf das schwedische Niveau absenken, so könnte die gesetzliche Krankenversicherung laut Report 4,1 Milliarden Euro sparen.

Thema bei der Vorstellung des Reports war auch die vergangene Woche bekanntgewordene erfolgreiche Beeinflussung der Koalition durch die Pharmaindustrie. Wie berichtet, hatten sich Union und FDP auf den Vorschlag des Verbandes der forschender Arzneimittelhersteller geeinigt, die Kriterien für die Nutzenbewertung von patentgeschützten Medikamenten nicht dem unabhängigen Bundesausschuss zu überlassen, sondern durch die Regierung selbst zu bestimmen. Das erregte den Verdacht, Schwarz-Gelb wolle die Kriterien pharmafreundlich gestalten. [Quelle: FR Online]

Widerstand der Gewerkschaften

Vertreter der Arbeitnehmer warnen vor den geplanten Änderungen und schlagen Alternativen vor:

Versicherte sollen künftig alle Kostensteigerungen im Gesundheitswesen selber schultern. Die Arbeitgeber werden von der paritätischen Finanzierung entbunden. Nun zurrt das Gesundheitsministerium die letzten Details der Reform fest. Der Deutsche Gewerkschaftsbund läuft Sturm dagegen. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach:

Das ist völlig inakzeptabel. Die Beschäftigten und Rentner müssen schon seit 2005 jedes Jahr 15 Milliarden Euro mehr zahlen als die Arbeitgeber. Wenn der Arbeitgeberbeitrag nun auch noch eingefroren wird, wird diese Schieflage zu einer richtig dicken Belastungswelle für 90 Prozent der Bevölkerung.

Das Versprechen von „mehr Netto vom Brutto“ würde sich mit den Plänen von Minister Rösler ins Gegenteil verkehren. Die soziale Schieflage in Deutschland würde sich deutlich verschärfen und genau gegen diese Schieflage werden wir im Herbst kämpfen. Wir haben ein breites Bündnis „Köpfe gegen die Kopfpauschale“ initiiert und werden öffentlich Druck gegen diesen Systembruch machen.

Wenn die gesetzliche Krankenversicherung wieder paritätisch finanziert wird, ist die Versorgung gesichert und den Menschen bleibt die Kopfpauschale erspart. Mittel- und langfristig wollen wir eine Bürgerversicherung, zu deren Finanzierung nicht nur die Löhne, sondern auch die Kapitaleinkünfte und die privaten Krankenversicherungskonzerne einbezogen werden sollen. [Quelle: FR Online]

Kopfpauschale durch die Hintertür

Sind die jüngsten Reformpläne weitere Schritte auf dem Weg, doch noch die stark umstrittene “Kopfpauschale” einzuführen?

Beobachter sprechen bereits von einem systematischen Ausbluten der gesetzlichen Gesundheitsversorgung. Die Bürger sollen sich zukünftig mehr privat absichern und nur noch eine Basis-Grundversorgung von der GKV erhalten. Denn den Kassen bleibt zukünftig nichts anderes mehr übrig, als Leistungen immer weiter einzuschränken. Darüberhinaus gehende Leistungen sollen nur noch zusätzlich privat versichert werden können. Das ist, wie einige Sozialverbände zu Recht kritisieren, eine Kopfpauschale durch die Hintertür. [Quelle: Heilpraxisnet.de]

Widerstand gibt es jedenfalls von vielen Seiten, so auch von Fritz Kuhn, dem stellvertretender Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN:

Die schwarz-gelbe Regierung hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) so viele Steine in den Weg zu legen, wie nur irgend möglich. Diese Pläne sind ein Schlag ins Gesicht aller gesetzlich Versicherten. Wir werden uns dieser systematischen Beschneidung der Finanzierungsgrundlagen der GKV entgegen stellen. [Quelle: Gesundheit Adhoc]

Wechselwelle zur PKV wird erwartet

Krankenkassen und gesetzlich Versicherte gewinnen den Eindruck:

Die Private Krankenversicherung ist offenkundig das Hätschelkind der Bundesregierung. Während die Kassen der Gesetzlichen Krankenversicherung ihren Mitgliedern verstärkt Zusatzbeiträge abknöpfen und bereits zugesagte Steuerzuschüsse immer wieder aufs Neue erbetteln müssen, bekommen die Privaten momentan einige Geschenke – ganz so, als wäre es schon Weihnachten und hätte die Diskussion um die Abschaffung der PKV nie gegeben. [Quelle: Neues Deutschland]

Eberhard Jüttner, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, findet:

Es ist ein Skandal, wie die Bundesregierung Gutverdienende und gesunde Versicherte nahezu dazu drängt, sich aus der Solidargemeinschaft in die Private Krankenversicherung zu flüchten Der Paritätische rechnet damit, dass mit der Neuregelung über 360.000 besonders gesunde und einkommensstarke Versicherte jährlich in die PKV wechseln werden. [Quelle: Der Paritaetische]

Reformnutzen auch für Privatversicherte mit geringerem Einkommen

Währenddessen weist Minister Rösler darauf hin, dass nicht nur gut verdienende Menschen privat krankenversichert sind:

In den vergangenen Jahren sei es für die privaten Krankenversicherungen zu hohen Steigerungen der Arzneimittelausgaben gekommen, sagte der Sprecher von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) am Montag in Berlin. Die Union habe darauf gedrängt, sie zu entlasten. Die Regelung, die beim Medikamenteneinkauf für die Kassen gelte, solle deshalb „analog“ für die privaten Versicherungen gelten. Das sei „im Sinne derjenigen, die in der privaten Krankenversicherung abgesichert sind – das sind nicht nur Gutverdiener“.

Während das Arzneimittelgesetz schon im Bundestag ist, will das Kabinett die Gesundheitsreform erst am 22. September beschließen. [Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung]

Folgen schlimmer als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Sollte sich an der jetzt von der schwarz-gelben Bundesregierung verfolgten Gesundheitspolitik nichts ändern, prophezeite der Gesundheits-Experte Karl Lauterbach (SPD) weitaus Schlimmeres als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft:

„Wir sind am Vorabend der Drei-Klassen-Versorgung.“ Und so sieht die – mögliche – Drei-Klassen-Versorgung nach Angaben von Lauterbach aus: Ganz unten stehe der ländliche Raum, wo es große Lücken geben werde, dann komme die Versorgung in den Städten für die gesetzlich Versicherten, und über allem thronten die Privatversicherten: „Für die wird es immer eine Bedarfsdeckung geben.“

Wenn die Privaten jetzt auch noch bei den Arzneimittelpreisen mit den Gesetzlichen gleichgestellt würden, sei der letzte Vorteil der GKV beseitigt worden. Da die private Assekuranz bei der Bundesregierung all ihre Wünsche habe durchsetzen können, plädiere er dafür, dass ein Verbandsvertreter endlich auch ganz offiziell das Amt des Gesundheitsministers übernehme. [Quelle: Siegener Zeitung]

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Foto: © ChrisBeck / PIXELIO

GKV: Hohe Strafe bei Zusatzbeitrag Zahlungsverzug

Thursday, August 19th, 2010

Laut den Plänen der Bundesregierung sollen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zukünftig verstärkt einkommensunabhängig berechnet und die umstrittenen Zusatzbeiträge mit Hilfe hoher Säumniszuschläge eingetrieben werden.

Da sich die zunächst geplante, vom Einkommen des Versicherten unabhängige Kopfpauschale vor allem wegen ihrer “fehlenden sozialen Gerechtigkeit” auf starke Kritik stieß und nicht durchsetzen ließ, soll ein derartiger Umbau der Beitragsberechnung nun durch einkommensunabhängige Zusatzbeiträge ohne Obergrenze erfolgen.

Schon seit einigen Monaten stellen verschiedene Krankenkassen ihren Versicherten Zusatzbeiträge in Rechnung. Einige Kassen haben jedoch bisher nur geringen Erfolg dabei, diese Zahlungen von ihren Versicherten zu einzutreiben.

Deshalb planen Politiker und Krankenkassen jetzt die Einführung hoher Gebühren bzw. Strafen für gesetzlich Versicherte, die ihre Zusatzbeiträge nicht gezahlt haben: Drei monatliche Zusatzbeiträge müssen bei Zahlungsverzug zusätzlich an die Krankenkasse überwiesen werden.

Das sind je nach Krankenkasse mindestens 30 und höchstens 120 Euro, bei einer Erhöhung des maximalen Zusatzbeitrags oder dem geplanten Wegfall der Obergrenze könnten diese “Säumniszuschläge”  sogar noch teurer für die Versicherten werden.

Geldstrafen gegen “zivilen Ungehorsam” von Kassenpatienten?

Es scheint als wolle man,  nachdem die zunächst geplante Kopfpauschale nicht durchsetzbar war, jetzt auf Nummer sicher gehen: Sollen die zukünftig von ihrem Einkommen unabhängigen Beiträge, die gesetzlich Versicherte an ihre Krankenkasse zahlen müssen, auf keinen Fall am Ende doch noch durch zivilen Ungehorsam von Kassenpatienten scheitern? Die Höhe dieser “Säumniszuschläge” liegt jedenfalls deutlich über den üblichen Zinsen oder den in anderen Fällen erlaubten Mahngebühren.

Ziviler Ungehorsam ist eine Form politischer Partizipation, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen. Durch einen symbolischen, aus Gewissensgründen vollzogenen, und damit bewussten Verstoß gegen rechtliche Normen zielt der handelnde Staatsbürger mit einem Akt zivilen Ungehorsams auf die Beseitigung einer Unrechtssituation und betont damit sein moralisches Recht auf Partizipation. Die Normen können sich durch Gesetze, Pflichten oder auch Befehle eines Staates oder einer Einheit in einem staatlichen Gefüge manifestieren.

Durch den symbolischen Verstoß soll zur Beseitigung des Unrechts Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung genommen werden.  Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstruktur gerichtet ist. Die Methoden und Aktionsformen von zivilem Ungehorsam und Widerstand gleichen sich jedoch in vielen Fällen. Als moderne Väter des Konzepts gelten Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King, Jr. [Quelle: Wikipedia]

Eine kleine kommentierte Presseschau mit Ausschnitten aktueller Zeitungs-Artikel zu den geplanten Säumniszuschlägen:

Den Anfang machte vor einer Woche, am 12.08.10, die Deutsche Apotheker Zeitung mit der Schlagzeile

Zusatzbeitrag: Rösler will säumige Versicherte bestrafen

GKV-Versicherte, die den künftig von den gesetzlichen Krankenkassen verlangten Zusatzbeitrag nicht bezahlen, sollen mit einem Aufschlag von zwei Prozentpunkten auf den Einheitsbeitrag “bestraft” werden. Das geht aus dem “Diskussionsentwurf” zum GKV-Finanzierungsgesetz des Bundesgesundheitsministeriums hervor, der an die Fraktionen von CDU/CSU und FDP verschickt wurde. Danach sollen säumige Versicherte statt 8,2 Prozent 10,2 Prozent zahlen. Die Krankenkasse soll den Arbeitgeber über die Zahlungsunwilligkeit des Versicherten informieren.

Nach ein paar Tagen relativer Ruhe in den Mainstream-Medien berichtete als nächstes Focus Online am 16.08. über die Pläne, die inzwischen nicht mehr den Weg über die Arbeitgeber vorsahen:

Gesundheit: Politik fordert Säumnis-Zuschlag bei Krankenkassen

Die Gesundheitspolitiker der schwarz-gelben Koalition hätten am Montag einem entsprechenden Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums zugestimmt, hieß es in Koalitionskreisen. Allerdings verwarfen sie zunächst die Idee, dass der Arbeitgeber den Säumniszuschlag einziehen soll, wenn Versicherte mehr als sechs Monate ihren Zusatzbeitrag nicht zahlen.

Focus Money Online konnte am folgenden Tag bereits konkret vermelden, dass für säumige gesetzlich Krankenversicherte zwischen 30 und 120 Euro zusätzlich fällig werden sollen:

Kassen-Zusatzbeitrag: Strafgeld für säumige Zahler

Höchstens soll dieser Säumniszuschlag so hoch wie drei monatliche Zusatzbeiträge sein, wie es aus Koalitionskreisen hieß. Rund eine Million Versicherte verweigert laut einem Zeitungsbericht den gesetzlichen Kassen bisher die Zahlung des Zusatzbeitrags. Der Anteil der säumigen Mitglieder beträgt je nach Krankenkasse bis zu 30 Prozent. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) drängt die Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass die Zahlung der Zusatzbeiträge ohne großen bürokratischen Aufwand sichergestellt wird.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hatte den Koalitionsfraktionen vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform vorgelegt. Danach sollen die Kassen künftig von den Versicherten Zusatzbeiträge in unbegrenzter Höhe erheben können. Bisher ist der Zusatzbeitrag, den Kassenmitglieder aus eigener Tasche zahlen müssen, auf maximal ein Prozent des Einkommens oder pauschal acht Euro im Monat ohne Einkommensprüfung begrenzt. Gewerkschaften und Ärztevertreter bekräftigten ihre Kritik an den Reformplänen.

Die Frankfurter Allgemeine berichtete am 17. und 18.08. zum selben Thema:

Zusatzbeiträge der Kassen: Säumige Versicherte sollen Strafgeld zahlen

Wer den Zusatzbeitrag an seine Krankenkasse nicht pünktlich zahlt, muss künftig mit Säumniszuschlägen rechnen. Allerdings sollen diese nicht, wie bislang vom Gesundheitsministerium geplant, durch den Arbeitgeber eingezogen werden. Einen entsprechenden Vorschlag verwarfen die Gesundheitspolitiker aus Union und FDP [bei ihren] Beratungen über den Entwurf des „Gesetzes zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung“.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP, Ulrike Flach, stellte aber klar: „Es wird auf jeden Fall Säumniszuschläge geben, nur ist die Organisation noch nicht ausgereift.“ Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn (CDU), sagte, man sei sich einig, dass es nachvollziehbare und angemessenen Sanktionen für die geben müsse, die ihre Zusatzbeiträge nicht bezahlten.

Die Regierung will die Beitragssätze zur Krankenversicherung auf dem neuen, höheren Niveau von dann 14,5 Prozent festschreiben. Mehrkosten sollen allein über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die Kassen von ihren Mitgliedern verlangen.

Die Gespräche stehen unter Zeitdruck, weil zum Wochenende die Abstimmung der Ressorts beginnen soll. Das Kabinett würde den Entwurf nach heutiger Planung am 22. September beschließen. Das Gesetz soll zum 1. Januar in Kraft treten.

Im zweiten Artikel werden dann weitere interessante Aspekte der von CDU/CSU und FDP vorbereiteten Änderungen im Gesundheitssystem angesprochen. Geplant sind auch eine Erhöhung der Ärztehonorare und ein Verbot für gesetzliche Krankenkassen, ihren Versicherten Tarife mit Chefarztbehandlung, besserer Krankenhaus-Unterbringung und Übernahme ähnlicher “Mehrkosten” anzubieten:

Säumige Kassenpatienten: Mindestens 30 Euro Strafe

Die Regierungskoalition ist sich einig: Gesetzlich Krankenversicherte, die ihren Kassen die Zusatzbeiträge vorenthalten, sollen mit der Zahlung von mindestens 30 Euro bestraft werden. Unterdessen sollen die Ärztehonorare trotz Sparpaket im kommenden Jahr um 1,2 Milliarden Euro steigen. Heute sind Versicherte zwar auch zur Zahlung des Zusatzbeitrags verpflichtet, die Kassen haben aber kaum Sanktionsmöglichkeiten.

Die Koalitionäre einigten sich auch darauf, die angekündigte klare Trennung von Tarifangeboten der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung noch im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens einzufügen. Ziel ist offenbar, der gesetzlichen Versicherung Tarife zu untersagen, die im Krankenhaus Chefarztbehandlung und bessere Unterbringung enthalten oder die Mehrkosten eines Kostenerstattungstarifs decken, wie sie zum Beispiel die AOK Rheinland/Hamburg anbietet. Die Gesetzliche Krankenversicherung soll sich auf Kostenerstattung, Selbstbehalte und besondere medizinische Zusatzleistungen konzentrieren.

Der CDU-Gesundheitsfachmann Jens Spahn sprach von einer guten Grundlage für die weiteren Beratungen.

Die Frage ist vielleicht nur: Gut für wen? Cui bono? Vermutlich werden sich die Politiker einigen können, viele GKV-Kunden aber wohl über die verschärften Sanktionen, die ihnen drohen, wenig begeistert sein.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 18.08. mit Hinweis auf die schon bisher bestehenden Sanktionsmaßnahmen:

Zusatzbeitrag: Wer zu spät zahlt, den bestraft die Kasse

Bislang haben die Krankenkassen wenig Möglichkeiten, die Zahlung der Beiträge zu erzwingen: Anders als früher dürfen sie säumigen Mitgliedern nicht mehr einfach den Versicherungsschutz kündigen. Sie dürfen lediglich den Schutz auf das medizinisch Notwendigste reduzieren. Außerdem können sie ein normales Mahnverfahren einleiten, bei dem auch schon jetzt geringe Säumniszuschläge möglich sind.

Für Gesundheitsminister Rösler ist das Strafgeld auch deshalb wichtig, weil er das Instrument der Zusatzbeiträge mit der Gesundheitsreform ausweiten will. Künftig dürfen die Krankenkassen einen Beitrag in unbegrenzter Höhe erheben. Die Arbeitnehmer müssen diesen Anteil alleine tragen.

In einigen Berichten ist auch schon von bis zu 225 Euro Säumniszuschlag für “Gutverdiener” die Rede, was aber laut einem Artikel des Deutschen Ärzteblatts vom 18.08. durch das Gesundheitsministerium dementiert wurde — Die Strafe ist nach oben offen und kann zur Pfändung von Gehalt, Konto und Sachwerten führen:

Ministerium weist Bericht über Säumniszuschlag von 225 Euro zurück

Die maximale Höhe des geplanten Säumniszuschlags für gesetzlich Kranken­versicherte lasse sich nicht pauschal benennen, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Berlin zu einem Bericht der „Rheinischen Post“. Eine Obergrenze wie die in dem Bericht genannten 225 Euro gebe es nicht.

Die [Säumniszuschläge] soll künftig jeder Versicherte zahlen müssen, der ein halbes Jahr nicht den Zusatzbeitrag gezahlt hat. Der Patient behält seinen Versicherungsschutz [...] Allerdings drohen, wenn die am Dienstag vereinbarten Pläne der schwarz-gelben Koalition umgesetzt würden, Inkasso- oder sogar Pfändungsverfahren.

Auf Versicherungsseite.de gibt es “konstruktive Kritik” für gesetzlich Krankenversicherte, die ihre Zusatzbeiträge nicht bezahlen:

Säumniszuschlag erst ab Gültigkeit der neuen Gesundheitsreform

Eigentlich ist dieser Schritt absolut notwendig. [...] Säumige Versicherte schaden ganz eindeutig der Versichertengemeinschaft. [...] Es ist sowieso etwas unverständlich warum manche Versicherte den Zusatzbeitrag nicht zahlen. Mit Erhebung des Zusatzbeitrags haben die meisten Versicherten (die sich nicht für einen Wahltarif entschieden haben) ein Sonderkündigungsrecht und können zu einer Kasse wechseln, die keinen Zusatzbeitrag erhebt.  [...] Der Protest gegen den Zusatzbeitrag durch Wechsel der Krankenkasse hat mehr Stil, als einfach den Zusatzbeitrag nicht zu zahlen.

So kann man die Frage, wem der geplante Säumniszuschlag nutzt, auch aus der anderen Richtung betrachten: Wem schadet eine weit verbreitete “Verweigerung” der Zahlung des einkommensunabhängigen Krankenkassen-Zusatzbeitrages?

Zwingt sie die anderen gesetzlich Versicherten dazu, noch höhere Zusatzbeiträge zu bezahlen? Oder werden dadurch die Politiker dazu gebracht, andere Lösungen für die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung zu finden?

Egal ob er abschreckend genug wirkt oder nicht: Der jetzt geplante Zusatzbeitrag-Säumniszuschlag wird wohl, falls er tatsächlich rechtsgültig beschlossen wird, den Krankenkassen einiges an neuen Einnahmen bescheren und die “Kopfpauschale Light” der einkommensunabhängigen Zusatzbeiträge fester im deutschen Gesundheitssystem verankern.

Keine Homöopathie für Kassenpatienten?

Thursday, July 15th, 2010

Für manche ist es Aberglaube, Esoterik, Einbildung, Scharlatanerie oder Humbug. Für andere ist es die funktionierende sanfte Alternative zur Schulmedizin und Chemie der Pharma-Konzerne. Ist Homöopathie so umstritten, weil Ihr Nutzen nicht belegt ist oder weil finanzielle Interessen der Gesundheits-Industrie gegen sie stehen?

Die seit vielen Jahren geführte Diskussion um den Nutzen von Homöopathie kocht im Rahmen der Überlegungen zur Verbesserung der Finanzen von Krankenkassen jetzt wieder hoch: Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) muss sparen, darum sollen Kassenpatienten in Zukunft homöopathische Behandlungen aus eigener Tasche zahlen.

Eine kommentierte Presseschau mit bisherigen Stellungnahmen und unterschiedlichen Standpunkten zum Thema in verschiedenen Medien:

Das Nachrichtenmagazin Spiegel, dessen aktueller Artikel einer der Auslöser der momentane Diskussion ist, titelte bereits vor 5 Jahren “eindeutig”…

26.08.2005, Spiegel.de

Medizinische Studie: Homöopathie beruht auf Einbildung

Die Präparate seien nicht besser als Scheinmedikamente ohne jeden Wirkstoff, erklärt ein Schweizer Forscherteam. Ein Team um Matthias Egger von der Universität Bern hat jetzt 110 Homöopathie- mit 110 Schulmedizin-Studien verglichen. Die Forscher verglichen den jeweiligen Wirkstoff mit einem Placebo, einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff. Zudem vergaben sie allen Studien eine Note, in die Teilnehmerzahl und Qualität der Studie einflossen.

In den “großen, besseren” Untersuchungen erwiesen sich nur die Schulmedizin-Präparate als hilfreich. Es gab demnach keine Hinweise darauf, dass die Homöopathie besser war als das wirkstofffreie Scheinmedikament. Oder anders ausgedrückt: Die Wirkung der homöopathischen Präparate basierte, sofern vorhanden, auf Einbildung.

Aktuell schlägt ein Artikel des Spiegel hohe Wellen, in dem die Streichung der Kostenübernahme für Homöopathie gefordert wird:

10.07.2010, Spiegel.de

Kürzungsforderung: Krankenkassen sollen sich Homöopathie sparen

Nachdem für die meisten Wissenschaftler erwiesen ist, dass die Homöopathie auf einem Placeboeffekt beruht, fordert die SPD nun, die Alternativmedizin aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen. “Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen”, sagte Karl Lauterbach, SPD-Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestags, dem SPIEGEL.

Auch der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses aus Ärzten und Krankenkassen, Rainer Hess, hält die jetzige Situation für “extrem unbefriedigend”. Es gebe nach Hunderten medizinischen Studien bisher keinen klaren Nutzennachweis für die Homöopathie.

Jürgen Windeler, der zum 1. September seinen Job als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) antritt, nennt die Homöopathie im SPIEGEL ein “spekulatives, widerlegtes Konzept”. Bis heute sei nicht erwiesen, dass die Methode einen medizinischen Nutzen habe. “Dazu muss man auch gar nicht mehr weiterforschen, die Sache ist erledigt”, sagt der künftige oberste Medizinprüfer im Land.

Mitte Mai sprach sich die britische Ärztevereinigung British Medical Association offiziell gegen den Einsatz homöopathischer Mittel im öffentlichen Gesundheitssystem aus. Hunderte britische Ärzte forderten, die Stoffe aus dem Katalog der von Gesundheitsbehörden bezahlten Mittel zu nehmen. Homöopathie sei nichts als “Hexenhandwerk”, sagte ein Vertreter der Standesorganisation.

Die Grünen sind gegen eine Streichung der Kostenübernahme homöopathischer Behandlungen. Offenbar nicht wegen ihrer Wirksamkeit, sondern weil sie billig sind und natürliche Wirkstoffe auch in der Schulmedizin verwendet werden:

12.07.2010, Welt.de

Gesundheitspolitik: Grüne gegen Verbot von Homöopathie auf Kassenkosten

Die Grünen lehnen eine Herausnahme von Naturheilverfahren aus der gesetzlichen Krankenversicherung ab. Fraktionschefin Renate Künast sagte der „Berliner Zeitung“: „Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.“

Die Kosten für Homöopathie stünden in keinem Verhältnis zu den gigantischen Summen, die für Schulmedizin ausgegeben würden.

Falls es finanzielle Interessen sind, die den Widerstand gegen homöopathische Heilmethoden begründen, könnte man erwarten, dass der vorgeschlagene Stopp der Kostenübernahme für Homöopathie von der Pharma-Industrie befürwortet wird. Deren schulmedizinische Medikamente sind ja die “Alternative” und deutlich teurer als die leichter herstellbaren homöopathischen. Doch anscheinend sind die Arzneimittelhersteller für die Beibehaltung der Kostenübernahme für homöpathische Behandlungen:

12.07.2010, Apotheke-Adhoc.de

Homöopathie-Erstattung: BAH und BPI kritisieren Lauterbach

Sowohl der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) als auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie sehen in homöpathischen Präparaten eine sinnvolle Alternative für Patienten und Ärzte.

Die Erfahrungen betroffener Patienten würden aus der Debatte komplett außen vor gelassen, kritisierte Professor Dr. Barbara Sickmüller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des BPI, Krankenkassen führten die Wahlleistungen in ihrem Katalog, weil Zehntausende von Patienten mit der Homöopathie gute Erfahrungen gemacht hätten.

Die Ausgaben der Kassen für homöopathische Arzneimittel seien im Verhältnis der Gesamtausgaben absolut zu vernachlässigen, sagte Sickmüller. Bis auf wenige Ausnahmen müssten Patienten solche Präparate außerhalb von Wahltarifen selbst zahlen.

Dass die homöopathischen Ärzte nichts von den aktuellen Plänen und dem kritischen Bericht im Spiegel halten, war voraussehbar. Aber haben sie gute Argumente? Der Deutsche Zentralverein bezieht Stellung in einer aktuellen Pressemitteilung:

13.07.2010, OpenPR.de

Gesundheit & Medizin: Der SPIEGEL und die Homöopathie

Pressemitteilung von: Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte

Der SPIEGEL behauptet in der Titelgeschichte vom 12.7.2010, dass der Nutzen von Homöopathie nicht belegt sei, und dass es sich um eine Scheintherapie handele.

Wir stellen dazu fest, dass

  • die ganz überwiegende Zahl von Doppelblindstudien zu diesem Thema eine Wirkung der Homöopathie belegt
  • die Metaanalyse von Shang et al diesen Befund nicht widerlegt. Dahinter steckt ein grundsätzlicher Denkfehler: Wenn homöopathische Mittel bei Diarrhoen wirksam sind in einer Doppelblindstudie, wird das nicht dadurch widerlegt, dass das Mittel Arnica bei der Behandlung von Muskelkater bei Marathonläufern statistisch nicht signifikant wirksam ist. Metaanalysen sind dann sinnvoll, wenn Studien mit vergleichbarer Indikation und Methodik verglichen werden. Abgesehen davon hat diese Metaanalyse selbst methodische Fehler; konkret wurde ihr unter anderem vorgeworfen, dass die Auswahlkriterien für Studien im Nachhinein festgelegt wurden, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.
  • die Versorgungsforschung zeigt, dass die Homöopathie in der Praxis effektiv und kostengünstig ist. (Charité-Studie, PEK Schweiz)
  • demnach der Vorwurf einer Placebobehandlung nicht haltbar ist.

Dass homöopathische Mittel in ihrer Wirkung deutlich über Placebo hinausgehen, zeigt sich auch bei der Behandlung schwerer, akuter Erkrankungen; wie z. B. Lungenentzündung und eitrige Mandelentzündungen. Homöopathische Ärzte behandeln diese ebenfalls. Im Vergleich zu konventionellen Kollegen haben sie dabei zwischen 0,1 und 1% der Antibiotikaverschreibungen.

Auch homöopathische Ärzte geben Antibiotika, wenn sie kein passendes homöopathisches Mittel finden. Entweder sind also 99% der Antibiotikagaben in der konventionellen Praxis überflüssig – oder wir haben es hier doch mit einem sehr wirksamen „Placebo“ zu tun.

Ihren großen Durchbruch hatte die Homöopathie im 19. Jahrhundert als sich zeigte, dass die Mortalität unter konventioneller Behandlung über 50% lag – unter homöopathischer Behandlung um die 5%. (vgl. www.organon2010.de Menüpunkt: Infektionskrankheiten)

Ausgaben für homöopathische Arzneimittel und homöopathische ambulante Versorgung:

  • Ausgaben für Arzneimittel im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) 2009: 28 Milliarden Euro (etwa 17 % der Gesamtausgaben der GKV)
  • Ausgaben für homöopathische Arzneimittel im Bereich GKV 2009: 25 Millionen – also etwa 1 Promille (Quelle: BPI Pharma-Daten 2009)
  • Gesamtausgaben für ambulante Versorgung zulasten GKV 2009: 26 Milliarden Euro – (etwa 15 Prozent der Gesamtausgaben der GKV – Quelle KBV)
  • Ausgaben für homöopathische ambulante Versorgung im Bereich GKV: ca. 7 Millionen Euro/Q  – also etwa 1 Promille (Quelle: Zahlen von GKV-Kassen)

Etwa 140.000 Ärzte sind gegenwärtig in vertragsärztlichen Praxen in Deutschland niedergelassen; etwa 7.000 Ärzte haben eine Zusatzbezeichnung Homöopathie – also etwa 5 Prozent.

Auch wenn über die Nützlichkeit von Homöopathie verschiedene Meinungen existieren, lässt sich das finanzielle Einsparpotenzial offenbar konkret einschätzen und ist nur sehr gering. Falls es überhaupt vorhanden ist, denn wenn stattdessen schulmedizinische Methoden angewendet werden, könnte das deutlich teurer für die Krankenkassen werden – ein Punkt der in der bisherigen Diskussion des Themas offenbar nicht (oder nur selten) zur Sprache kommt.

Bei Apotheke-Adhoc.de wird erläutert, dass es nur noch ein geringes Einsparpotenzial durch das Streichen homöopathischer Behandlungen aus dem Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung gibt, weil diese Leistungen 2004 bereits größtenteils aus dem Leistungskatalog gestrichen wurden.

Die im dortigen Artikel genannten GKV-Ausgaben für Homöpathie von 28 Millionen Euro “vor vier Jahren” scheinen jedoch unter den in der obigen Pressemitteilung genannten aktuellen Ausgaben zu liegen. Ebenfalls irritierend sind die Jahres-Angaben im Artikel, denn wenn die Präperate 2004 aus dem Leistungskatalog gefallen sind, warum konnten dann bei Sicht aus 2010 “vor vier Jahren [homöopathische] Präparate noch zu Lasten der Kassen verordnet werden” und jetzt nicht mehr? Vielleicht haben die “Apotheker” sich nur verwirrend ausgedrückt oder da tatsächlich ein paar Zahlen durcheinander gebracht:

13.07.2010, Apotheke-Adhoc.de

Leistungskatalog GKV: Keine Kosten durch Homöopathie

Die Zahlen des Arzneimittelverordnungsreports aus dem Jahr 2008 lassen kaum Einsparpotenzial vermuten. Nach Angaben des Bundgesundheitsministeriums (BMG) liegt der Anteil an den GKV-Arzneimittelausgaben bei 0,06 Prozent.

Vor vier Jahren sah die Situation anders aus. Weil damals homöopathische, anthroposophische und biochemische Präparate noch zu Lasten der Kassen verordnet werden konnten, lagen die GKV-Ausgaben in diesem Bereich bei 28 Millionen Euro.

Seit die Präparate 2004 aus dem Leistungskatalog gefallen sind, ist eine Verordnung nur noch eingeschränkt möglich. Ausnahmen gelten für die Behandlung von Kindern unter zwölf Jahren sowie für Indikationsgebiete, bei denen Homöopathika zum Therapiestandard zählen.

Im Rahmen des Wettbewerbs haben die Kassen jedoch die Möglichkeit, Homöopathie als Leistung anzubieten.

Andreas Mihm sieht in seinem Kommentar in der FAZ einen Placebo-Effekt nicht nur in der Homöopathie, sondern auch in der Politik:

13.07.2010, FAZ.net

Gesundheit: Eine Placebo-Debatte

Viele Menschen schwören auf die heilsame Wirkung von Homöopathie. Schade, dass die sich so schwer belegen lässt. Deshalb verweigert die gesetzliche Krankenversicherung mit gutem Grund in aller Regel die Übernahme der Kosten für mondphasengerecht gerührte und geschüttelte Kügelchen.

Die Kasse soll zahlen, wenn die Wirkung wissenschaftlich nachweisbar ist. Doch die Deutschen lieben die sanfte Medizin der Homöopathen. Einige Kassen haben sich das Interesse an Naturmedizin zu eigen gemacht und bieten ihren Versicherten – gegen Zuzahlung – eigene Wahltarife oder Versorgungsverträge an, in denen die Erstattung von Homöopathiekosten enthalten ist. Für die Kassen ist das ein Kundenbindungsprogramm, weil Versicherte sonst zur Konkurrenz wechseln würden.

Solche Programme sind so lange in Ordnung, wie sie nicht von anderen Versicherten quersubventioniert werden. Viel einsparen ließe sich mit einem völligen Verbot übrigens nicht. Daher lenkt die Diskussion lediglich ab von den wichtigen gesundheitspolitischen Themen und vermittelt denen, die sie führen, ein gutes Gefühl. Eine echte Placebo-Debatte.

In der Blogosphäre wird momentan ebenfalls kontrovers zum Thema Homöopathie diskutiert und Stellung bezogen, z.B. bei PsychoPhysik.com (“Wer vom Konzept der Homöopathie spricht, muss das Ähnlichkeitsprinzip prüfen und nichts anderes.”) [1] [2] [3] und Denker.net (“unwissenschaftlicher Nonsense und sollte von der gesetzlichen Krankenversicherung ebensowenig erstattet werden wie Seancen, Pendeln, Fernstreicheln oder Schamanentum”) [4].

Interessant ist auch die umgekehrte Frage in einem Kommentar bei FreieWelt.net: “Warum soll der Anhänger der Homöopathie eine Kasse mitfinanzieren, die mit Kanonen (Antibiotika) auf Spatzen schießt?” [5].

GKV Beitrag und Zusatzbeitrag werden wieder erhöht

Tuesday, July 6th, 2010

Presseschau: Meldungen und Kommentare zur aktuell beschlossenen Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und Zusatzbeiträge

Spiegel Online erinnert an das gleiche Spiel bei der vorherigen WM und warnt vor 20% Krankenkassenbeitrag bis 2010:

Der Zeitpunkt für die schlechte Nachricht war geschickt gewählt. Gerade erst hatte die Fußball-Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale Argentinien besiegt. Und die meisten Bundesbürger fieberten bereits dem Halbfinale gegen Italien entgegen. Die Regierung nutzte die Gunst der Stunde, um eine saftige Beitragserhöhung bei der Krankenversicherung zu beschließen.

So geschah es Anfang Juli 2006, zu Zeiten der Großen Koalition.

Im WM-Sommer 2010 verläuft das Reform-Schauspiel nach dem gleichen Muster. Mit zwei kleinen Unterschieden: Statt Schwarz-Rot regiert inzwischen Schwarz-Gelb. Und die Nachricht einer massiven Beitragserhöhung wurde nicht zwischen Halb- und Viertelfinale publik, sondern einen Tag vor der Neuauflage des WM-Viertelfinals von 2006.

Nach acht Monaten ist FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) nun da angekommen, wo seine Vorgängerin Ulla Schmidt (SPD) nach acht Jahren aufgehört hat.

Bis 2020 könnte sich der Fehlbetrag in der gesetzlichen Krankenversicherung sogar auf 45 Milliarden Euro erhöhen. Um diese Summe zusammenzukratzen, müsste etwa der allgemeine Beitragssatz im gleichen Zeitraum um 4,5 Prozentpunkte auf 20 Prozent steigen. Oder der Zusatzbeitrag entsprechend ausgeweitet werden. So oder so läge der Gesamtbeitrag zur Krankenversicherung dann schlimmstenfalls bei rund 20 Prozent. Also etwa auf dem Niveau, auf dem sich bereits der Beitragssatz zur Rentenversicherung befindet.

Im Donaukurier wird ergänzt, dass die 2% Zusatzbeitrag nur ein Zwischenschritt zu weiteren Erhöhungen sind:

Die Koalition will neben der Beitragserhöhung auch den Spielraum der Kassen bei den Zusatzbeiträgen erweitern. Zusatzbeiträge können die Kassen von ihren Versicherten erheben, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen. Es wird erwogen, die bisherige Begrenzung der Zusatzbeiträge auf ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens auf zwei Prozent hochzusetzen. FDP-Generalsekretär Christian Lindner widersprach einem Bericht der “Berliner Zeitung”, dem zufolge die Liberalen die Obergrenze komplett aufheben wollten. Allerdings sollen die Kassen nach dem Willen der FDP auch höhere Zuschläge als die zwei Prozent erheben können

Der Tagesspiegel erinnert an Wahlversprechen und kündigt für kommendes Jahr Sozialabgaben von über 40% an:

Im Herbst 2009, zu Beginn der Wahlperiode, verkündeten CDU, CSU und FDP in ihrem Koalitionsvertrag noch vollmundig: „Wir werden dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt, dass den Bürgern mehr Netto vom Bruttoeinkommen bleibt.“ Ein dreiviertel Jahr später haben die Koalitionspartner angesichts der desaströsen Haushaltslage nicht nur das Versprechen kassiert, die Steuern zu senken. Sie planen nun auch eine deutliche Erhöhung der Krankenkassenbeiträge im Jahr 2011. Gleichzeitig steigt der Arbeitslosenbeitrag leicht an. Mit der Folge, dass Arbeitnehmern dann „weniger Netto vom Brutto“ bleiben wird.

Durch die Beitragserhöhungen steigen die Sozialabgaben 2011 auf mehr als 40 Prozent. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen für Rente, Pflege, Kranken- und Arbeitslosenversicherung ab 2011 Abgaben von 40,35 Prozent. Bei Kinderlosen summiert sich dies sogar auf 40,6 Prozent, da sie einen Sonderbeitrag für die Pflege zahlen. Vorsorglich haben Union und FDP in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass sie „die paritätisch finanzierten Lohnzusatzkosten“ unter 40 Prozent halten wollen. Rechnet man den Sonderbeitrag der Arbeitnehmer in der Krankenversicherung von 0,9 Prozent raus, dann landet man bei Sozialabgaben von 39,45 Prozent – und damit unter der Zielmarke.

In der Rheinischen Post Online wird in Aussicht gestellt, dass Arbeitnehmern gekündigt wird, wenn sie die Beitragssteigerungen nicht ohne die Arbeitgeber finanzieren:

Der Vize-Chef der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), hat die von der Regierung geplante Anhebung des Beitragssatzes in der Krankenversicherung scharf kritisiert. “Eine Erhöhung der Lohnnebenkosten ist ein tödliches Spiel für Arbeitsplätze in Deutschland, das muss jeder wissen”, sagte Fuchs

[Hinweis: Der Politiker Michael Fuchs (CDU) und der Redakteur Michael Fuchs (Beste Private Krankenversicherung Nachrichten) sind zwei verschiedene Personen.]

Das Handelsblatt weiß zu berichten, dass sich über die Beschlüsse nur die Krankenkassen freuen:

Viele murren nun – nur eine Gruppe ist zufrieden.

Voraussichtlich zum 1. Januar will die Bundesregierung den allgemeinen Beitragssatz um 0,6 Prozentpunkte anheben. Der Arbeitnehmerbeitrag steigt dadurch von 7,9 auf 8,2 Prozent, der Arbeitgeberbeitrag von sieben auf 7,3 Prozent des Bruttolohns.

Für die Wirtschaft bedeutet dies Mehrbelastungen von fast drei Mrd. Euro bei den Lohnzusatzkosten. Die Rentenversicherung – de facto Arbeitgeber der Rentner – wird um eine halbe Mrd. Euro zusätzlich belastet. Ähnliches gilt für die Bundesagentur für Arbeit, die für Bezieher von Arbeitslosengeld den Krankenkassenbeitrag zahlen muss.

Die Hauptlast des für 2011 erwarteten Defizits in der gesetzlichen Krankenversicherung von elf Mrd. Euro müssen aber die 50 Millionen Beitragszahler tragen.

Nur die Kassen fanden Worte des Lobs. “Es ist gut für Versicherte und Beitragszahler, dass die Regierung jetzt endlich Kalkulationssicherheit schafft, auch wenn sich niemand über höhere Belastungen freut”, sagte AOK-Vize, Jürgen Graalmann dem Handelsblatt.

Bei Evangelisch.de wird darauf hingewiesen, dass durch die Beitragserhöhung Rentner zukünftig weniger Geld zur Verfügung haben werden:

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, wies auf den drohenden Kaufkraftverlust für Ruheständler durch steigende Beitragssätze hin. “Höhere Kassenbeiträge sind schmerzhaft für die Rentner. Dadurch wird die Renten-Nullrunde zur Minusrunde“, sagte sie der “Bild”-Zeitung (Samstagsausgabe).

Peter Stuckhard von der Neuen Westfälischen Zeitung kommentiert:

“Was jetzt diskutiert wird, ist also nichts anderes als die Umsetzung des Gesundheitsfonds, den sich die große Koalition ausgedacht hatte: Die Arbeitgeber zahlen 7,3 Prozent, die Arbeitnehmer ebenfalls 7,3 Prozent plus 0,9 Prozent Zusatzbeitrag, der am 1. Juli 2005 unter scham- und völlig skrupelloser Täuschung der Beitragszahler im Gesetz zur Finanzierung von Zahnersatz eingeführt wurde. Natürlich dient er längst der allgemeinen Finanzierung der Krankenkassen.

Der Fonds enthält noch eine weitere gesetzlich fixierte Automatik, von der man nur selten hört: Wenn er die Ausgaben der Krankenkassen zwei Jahre hintereinander zu weniger als 95 Prozent abdeckt, muss die Bundesregierung den Beitragssatz erhöhen. Sollten die Pläne verwirklicht werden, sind sie die exakte Weiterführung der Politik der großen Koalition. Und wieder heißt es : armer Minister Rösler! All das Gehampel könnte sich die Regierung sparen: Weg mit dem Fonds, weg mit dubiosen Zusatzbeiträgen, zurück zur Beitragsautonomie der Krankenkassen und damit zur Abstimmung ihrer Kunden mit den Füßen.”

Bei n-tv wird dazu die Frage beantwortet…

Können Versicherte bei einer Beitragserhöhung die Kasse wechseln?

Mit der Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes, was per Rechtsordnung geschieht, besteht Verbraucherschützern zufolge kein Sonderkündigungsrecht. Es gilt die gesetzliche Kündigungsfrist von zwei vollen Kalendermonaten. Eine uneingeschränkter Wechsel ist nach 18-monatiger Mitgliedschaft in der bisherigen Kasse möglich. Diese Bindungsfrist entfällt, wenn die Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt oder erhöht. Dann haben die Versicherten ein Sonderkündigungsrecht. Achtung: Für Versicherte mit einem freiwilligen Wahltarif etwa mit Selbstbehalt gilt das Sonderkündigungsrecht nicht. Sie bleiben drei Jahre gebunden.

Sieter Sattler, Frankfurter Neue Presse, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und kommentiert:

Abgesehen davon, dass die Anhebung der Kassenbeiträge fantasielos wäre, geschehe sie möglicherweise auch noch ohne wirkliche Not. Zuletzt hatte es immer geheißen, dass es im nächsten Jahr ein 11-Milliarden-Finanzloch bei den Kassen geben würde. Doch da war man noch von einer anhaltenden Wirtschaftskrise ausgegangen, die aber Fachminister Brüderle (FDP) jetzt für beendet erklärt hat. Der Finanzexperte des Instituts für Weltwirtschaft, Alfred Boss, geht davon aus, dass angesichts der sich neu abzeichnenden positiven Entwicklung von Konjunktur und Arbeitsmarkt das Defizit von Kassen und Gesundheitsfonds viel geringer ausfällt als bisher errechnet. Er glaubt, dass «nur» 3,4 Milliarden Euro fehlen werden. Das wären 2,1 Milliarden Euro mehr als dieses Jahr – die allein mit den etwa in dieser Höhe geplanten Einsparungen bei den Arzneimittelpreisen auszugleichen wären.

Die Koalition sollte noch einmal ernsthaft prüfen, ob die zusätzlichen Belastungen den Beitragszahlern nicht doch erspart werden können. Ansonsten müsste man fragen, ob die FDP politisch und inhaltlich jetzt endgültig abtauchen wolle. Dass man ihr vorwarf, sich nur um Steuer- und Beitragssenkung und nichts anderes zu kümmern, heißt noch lange nicht, dass sie ihr Kernthema völlig vergessen sollte. Was bliebe ansonsten noch von der FDP übrig – und vom Bruttoeinkommen der Steuerzahler?

Der Kommentar von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio, bei Tagesschau.de sieht die Beitragserhöhungen als notwendig um Zeit zu gewinnen, in der die Politiker sich etwas sinnvolles ausdenken können:

Ein Eingeständnis des Scheiterns
Warum nicht gleich so?
… Schwarz-Gelb muss die Beiträge erhöhen
Damit wird letztlich nur ein Teil des zweiten Konjunkturpaketes zurückgenommen.
Die Entscheidung ist nicht die Lösung für die Finanz- und Strukturprobleme im Gesundheitssystem. Aber derzeit der einzige Ausweg aus der völlig verfahrenen Situation. Die Koalitionspartner hatten sich mit ihren Forderungen eingemauert. Jetzt haben sie die Zeit abzurüsten, um dann in Ruhe noch einmal von vorne anzufangen mit einer schwarz-gelben Gesundheitspolitik.

Im Greenpeace Magazin äußert sich Stefan Müller (CDU) ähnlich:

Die Koalitionspläne für höhere Kassenbeiträge können aus Sicht des CSU-Politikers Stefan Müller die Finanzprobleme im Gesundheitssystem nicht dauerhaft lösen. «Die Reform löst vor allem kurzfristige Probleme»

Der CSU-Politiker forderte die Koalition auf, die Zweifel der Bürger an der Koalition als Warnsignal aufzufassen. «Die Umfragen zeigen eine Verunsicherung der Bürger. Das muss man ernst nehmen. Da haben wir auch unseren Beitrag zu geleistet. Deshalb müssen wir bei der Gesundheits- und der Energiepolitik im Herbst zu Entscheidungen kommen. Den Beweis müssen wir antreten», sagte Müller.

Und Jörn Boewe stellt bei JungeWelt.de fest, dass die aktuelle Entwicklung gewollt ist:

Systematisch ruiniert
Die Unterfinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen schreitet voran – man kann sagen: nach Plan.
Spätestens im nächsten Jahr wird der Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung wohl nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall sein.

Damit sind dann zwar die Fi­nanzprobleme im Gesundheitswesen nicht gelöst. Aber das traditionelle System der paritätischen Finanzierung der Sozialkassen – »Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber« zahlen jeweils die Hälfte –wird ein paar Grad weiter in die Schieflage rutschen. Für die abhängig Beschäftigten ist das alles andere als erfreulich. Aber fürs Unternehmerlager schlechthin und insbesondere die private Versicherungswirtschaft ist es ein weiterer Schritt in die bewährte Richtung. Wer das für Verschwörungstheorie hält, sollte einen Blick in die einschlägigen Strategiepapiere der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände werfen. Oder einen Vortrag von, sagen wir, Friedrich Merz, über private Vorsorge mit Renditechancen besuchen.

Das chronische Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung kommt nicht überraschend und ist offenkundig auch politisch gewollt. Wie der Sozialverband Deutschland berechnete, würde es das Budget der Kassen um zehn Milliarden Euro entlasten, wenn die Bundesregierung »versicherungsfremde Leistungen« (wie etwa die beitragsfreie Mitversicherung für Familienmitglieder) aus Steuermitteln finanzieren würde. Die Studie wurde bereits vor zwei Jahren vorgelegt.

Wolfgang S. Rettich nennt in seinem Blog die Ursache des Problems:

Das Bruttoinlandsprodukt der BRD stieg von 2000 mit 2.062,5 Milliarden Euro auf 2.492,0 Milliarden Euro in 2008. Das ist eine Steigerung von ca. 20,82 %. Die Einnahmen aller Gesetzlichen Krankenkassen betrugen in 2000 ca. 133,8 Milliarden Euro und in 2008 ca. 161,7 Milliarden Euro. Auch hier eine Steigerung um ca. 20,85 %. Die gleiche Steigerung ist auch bei den Ausgaben aller GKV zu betrachten.

Betrachten wir uns noch die Entwicklung der Löhne zwischen 2000 und 2008. Wie allgemein bekannt ist, werden Krankenkassenbeiträge von ArbeitnehmerInnen gezahlt und das – wie oben dargestellt – prozentual von ihren Arbeitseinkünften.

In 2000 betrug das Arbeitnehmerentgelt aller Beschäftigten in der BRD rund 1.100,1 Milliarden Euro brutto. Dies steig bis 2008 auf 1.225,8 Milliarden Euro brutto. Demnach stieg das Arbeitnehmerentgelt zwischen 2000 und 2008 nur um ca. 12.72 %.

Wenn nun aber die Einnahmen der GKV über die Einkünfte der Erwerbstätigen erzielt werden und die Einnahmen um 20,85 % gestiegen sind und die Einkünfte der Erwerbstätigen nur um 12,72 % gestiegen sind, muss der Beitragssatz erhöht werden.

Fazit: Die Berechnungsgrundlage hat in den letzen Jahren nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritt gehalten. Die Löhne sind nicht so gestiegen wie sie hätten steigen müssen!

Erste gesetzliche Krankenkassen sind zahlungsunfähig

Tuesday, June 15th, 2010

Während die Bundesregierung keine Lösung für die finanziellen Probleme im Gesundheitswesen findet, droht mehreren Krankenkassen der Bankrott. Steht vielleicht sogar die gesamte Branche vor einer Pleitewelle?

Noch im März 2010 wurden von der City BKK Gerüchte über Zahlungsprobleme dementiert und Erfolgsmeldungen verbreitet. Das Management verkündete, das Unternehmen würde sich auf  Wachstumskurs befinden und habe im ersten Quartal mehr als 1500 neue Versicherte werben können.

Zwar erhebt die Betriebskrankenkasse seit dem 1. April einen Zusatzbeitrag von acht Euro im Monat, ist damit allerdings nicht allein. So dürfte die Zahlungsunfähigkeit ihrer gesetzlichen Krankenversicherung relativ überraschend für die Versicherten kommen.

Nachdem vor wenigen Tagen bereits darüber berichtet wurde, dass die DAK vor der Pleite stehe, wurde dieses jetzt für die City BKK bittere Realität. Das Gesundheitsministerium bestätigte am Samstag, dass die City BKK gemeinsam mit einer weiteren Krankenkasse beim Bundesversicherungsamt ihre drohende Insolvenz gemeldet habe.

Damit ist seit Einführung des Gesundheitsfonds die erste gesetzliche Krankenversicherung pleite und steht vor der Zerschlagung.

Die insolvente Krankenkasse

Die City BKK hat 500 Mitarbeiter und entstand 2004 bei einer Fusion der Betriebskrankenkasse Hamburg (BKK Hamburg) und der Betriebskrankenkasse des Landes Berlin (BKK Berlin). Anfang 2005 schloss sie sich dann mit den Betriebskrankenkassen BeneVita BKK und BKK Bauknecht zusammen.

Mehr als die Hälfte der bundesweit 207.000 Versicherten der City BKK sind älter als 60 Jahre. Während durchschnittlich nur rund sieben Prozent der Versicherten einer gesetzlichen Krankenkasse unter mehreren Krankheiten leiden, sind es bei der jetzt insolventen Kasse 16 Prozent.

Da der hohe Anteil an alten und kranken Menschen besonders hohe Behandlungskosten mit sich bringt, ist offenbar keine andere Krankenkasse zur Fusion mit der City BKK bereit.

Laut Spiegel Online hat die City BKK seit 2009 circa 50 Millionen Euro Schulden angesammelt. Der Vorsitzende des baden-württembergischen BKK-Landesverbands, Konrad Ehing, rechnet damit, dass ihre Schließung rund 150 Millionen Euro kosten würde.

Diese hätten die anderen BKK zu tragen, was weitere Pleiten bedeuten könnte. Können sie die finanzielle Last alleine nicht schultern, übernehmen alle anderen gesetzlichen Versicherungen über den GKV-Spitzenverband die entstehenden Kosten.

Nach Angaben aus Regierungskreisen sehen das Amt und das zuständige Bundesgesundheitsministerium kaum Chancen, die City BKK zu erhalten. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sagte, dass sich Kunden angeschlagener Krankenversicherungen im Insolvenzfall keine Sorgen um ihren Versicherungsschutz machen müssen, denn „die Kunden können innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherungen wechseln, wohin sie wollen.“

Krisentreffen am Donnerstag

Wegen der drohenden Pleite der City BKK findet am Donnerstag ein Krisentreffen des BKK-Bundesverbands statt.

„Aufgrund der bestehenden Strukturschwäche hat die City BKK keine stabile Zukunftsprognose, deshalb ist eine Änderung zwingend. Dabei kann auch die Kassenschließung ein Mittel der Wahl sein“, erklärte Heinz Kaltenbach, Geschäftsführer des BKK-Bundesverbandes. Ob eine Schließung notwendig sei, würde aber erst nach der Anhörung der Beteiligten im August 2010 entschieden werden können.

Das BKK-System sei aufgrund einer positiven Vermögenssituation aus eigener Kraft in der Lage, die finanziellen Probleme der City BKK dauerhaft zu lösen, sagte Kaltenbach. Natürlich sei eine derartige Veränderung für 128 beteiligte Betriebskrankenkassen und sieben Landesverbände eine komplexe und schwierige Aufgabe.

„Deshalb haben wir für den Donnerstag eingeladen, denn für solide und nachhaltige Lösungen ist eine breite Zustimmung der Mitglieder erforderlich. Eine zusätzliche Belastung von rund 100 Millionen Euro für die kassenarteninterne Hilfe ist für die Betriebskrankenkassen schmerzhaft. Es müssen Entscheidungen fallen, die überlagert sind vom Schatten eines unterfinanzierten Gesundheitsfonds und der bislang ungewissen Zukunft der Finanzierung der GKV im nächsten Jahr. Gleichwohl bin ich optimistisch, dass wir eine gemeinsame Lösung finden, die das System robust abfedert.“

Insolvenz bereits beschlossen?

Nach Informationen des Magazins „Spiegel“ haben sich das Aufsichtsamt und das zuständige Gesundheitsministerium bereits auf das Aus für die City BKK geeinigt. In dem Bericht heißt es, dass die Krankenkasse zum 1. September dieses Jahres solleendgültig geschlossen solle.

Kürzlich trafen sich der Geschäftsführer des BKK Bundesverbands, Heinz Kaltenbach, BVA-Präsident Maximilian Gassner und Abteilungsleiter Ulrich Orlowski aus dem Bundesgesundheitsministerium mit dem Insolvenzberater Arndt Geiwitz, um über das Schicksal der maroden Krankenkasse zu beraten. Kaltenbach schrieb nach der Sitzung eine E-Mail, in der er die Ergebnisse des Treffens zusammenfasste:

„Dr. Gassner drängt in Abstimmung mit Herrn Dr. Orlowski (BMG) auf eine Kassenschließung der City BKK zum 1. 9. 2010“, heißt es dort Berichten zufolge. „Eine geordnete und vorbereitete Schließung wird für erforderlich gehalten.“ Große Spielräume würde es nicht mehr geben: „Das Amt wird diese Kassenschließung kompromisslos durchziehen.“

Bis Mitte Juli muss nun das Ministerium entscheiden, ob die Krankenkasse aufgegeben wird. Das würde vorraussichtlich große Hoffnungen erschüttern, die in den 2009 eingeführten Gesundheitsfonds gesetzt wurden. Dieser soll die gesetzlichen Krankenkassen angesichts der schnell steigenden Gesundheitskosten vor einer Zahlungsunfähigkeit bewahren – nun aber tritt erstmals seit der Gründung des Fonds das Gegenteil ein.

Pleitewelle der Krankenkassen?

Aus Sicht von Experten ist die Situation der City BKK ein Alarmsignal für die immer schwierigere Situation der gesetzlichen Krankenversicherungen insgesamt. Dem „Spiegel“ zufolge hat neben der City BKK auch die BKK Heilberufe Finanzprobleme gemeldet. Es handelt sich also bei der Schieflage der City BKK offenbar nicht um den einzigen Krisenfall in der Branche.

Auch dass erst vor wenigen Tagen die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) Berichte über eine drohende Insolvenz dementieren musste, zeigt, wie angespannt die Lage der gesetzlichen Krankenversicherungen ist. Der Kassenriese DAK hat knapp fünf Millionen Versicherten und steht trotz regelmäßiger Dementis seit Monaten im Verdacht, Liquiditätsprobleme zu haben. „Wenn die Regierung nicht nachjustiert“, warnt der Stuttgarter AOK-Vorstand Christopher Hermann, „kommt der große Crash.“

Nun herrscht Panik in der Branche, Kassenmanager und Gesundheitspolitiker fürchten den Beginn einer Pleitewelle. Es droht eine finanzielle Kettenreaktion und der Verband der Ersatzkassen arbeitet an einem Frühwarnsystem, das drohende Insolvenzen schon im Vorfeld erkennen soll.

Die Entwicklung bei der Zahl der gesetzlichen Krankenkassen in den vergangenen Jahren zeigt ein deutliches Bild: 1994 gab es laut dem Spitzenverbandes GKV in Deutschland 1152 gesetzliche Krankenkassen, mittlerweile sind es nur noch 169.

Domino-Effekt droht

Während Union und FDP am kommenden Wochenende auf einer Klausursitzung neue Sparmöglichkeiten ausloten wollen, geht es für immer mehr Krankenkassen ums blanke Überleben, auch weil die Kosten einer Insolvenz der City BKK von allen Mitgliedskassen des Bundesverbands aufgebracht werden müssten.

„Wir haben etwa zehn Millionen Mitglieder“, rechnet Ehing vor, „das heißt, dass jeder BKK-Versicherte mit etwa 15 Euro zur Kasse gebeten würde.“ Diese Ausgaben müssen die Kassen aber von ihren laufenden Mitteln abzweigen.

Für große Kassen wie die Deutsche BKK würden sofort zusätzliche Beträge in Höhe von über 15 Millionen Euro fällig, für die BKK Gesundheit mehr als 20 Millionen Euro. Das sind Summen, die diese Kassen selbst in eine Schieflage bringen könnten. Ehing befürchtet deshalb, dass von der Schließung der City BKK ein Domino-Effekt ausgehen könnte.

Quellen: Finanzen.de, Tagesspiegel.de, Deutsche-Apotheker-Zeitung.de, Welt.de, Spiegel.de

Aktuell geplante GKV Kopfpauschale zusammengefasst

Wednesday, June 2nd, 2010

Die zentralen Punkte der momentanen Planung von Gesundheitsminister Rösler zur Kopfpauschale:

  • Ab 2011 soll jede Kasse von jedem Versicherten 30 Euro erheben. Arbeitgeber zahlen sie nicht.
  • Der Beitragsatz sinkt von 14,9 auf 14,6 Prozent des Bruttolohns, der Arbeitgeberanteil steigt von 7,0 auf 7,3 Prozent, Arbeitnehmer und Rentner zahlen statt 7,9 Prozent künftig maximal 7,3 Prozent.
  • Geringverdiener mit einem Einkommen bis zu 1000 Euro monatlich zahlen den ermäßigten Beitragssatz von fünf Prozent.
  • Zusatzbeiträge sowie der von den Versicherten derzeit allein zu bezahlende Sonderbeitrag von 0,9 Prozent werden überflüssig.
  • Mit dem Einkommen steigt der Beitragssatz bis zur Bruttoeinkommensgrenze von 3750 Euro bis auf 7,3 Prozent. Vorgesehen sind fünf bis sechs Beitragssatzstufen, in die Versicherte nach Selbstauskunft eingruppiert werden.

Stimmen und Kommentare:

“Die ganze Maßnahme ist überflüssig, ungerecht und bürokratischer als das jetzige System.”
- SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach

“Ausstieg aus der solidarischen Gesundheitsfinanzierung”
- LINKE-Chef Klaus Ernst

“Vergiftetes Angebot, der bisherigen Struktur wird ein Tod auf Raten verordnet. ”
- Deutscher Gewerkschaftsbund

Sozialverbände, demokratischer Ärzte-Verein und weitere Kritiker warnen davor, auf Biegen und Brechen eine Kopfpauschale einzuführen, weil sie fürchten, dass künftige Ausgabensteigerungen dann immer bequem auf die Versicherten abgewälzt werden können.

Von größerem Gewicht für das Schicksal der Kopfpauschale dürfte allerdings deren konsequente Ablehnung durch die CSU sein. Man habe das Konzept intensiv geprüft und könne es nicht mittragen, ließ Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder am Mittwoch wissen. Die Mittelschicht werde belastet, die Umsetzung sei zu schwierig und zu kostenintensiv.

Quelle: Neues Deutschland – Kopflos ins Pauschalendesaster

Schwere Zeiten für Kassenpatienten

Thursday, May 27th, 2010
GKV muss sparen

Die gesetzliche Krankenversicherung muss sparen. (Foto: siehe Quellen)

Allein im laufenden Jahr werden die gesetzlichen Versicherungsinstitute voraussichtlich ein Defizit von elf Milliarden Euro einfahren.

Der aktuelle Beitragssatz von 14,9% auf das Bruttogehalt reicht bei weitem nicht aus um die Kassen kostendeckend zu finanzieren. Selbst die milliardenschweren Steuerzuschüsse, die den gesetzlichen Kassen im Rahmen des Konjunkturpaketes II und der damit verbundenen Absenkung des Beitragssatzes um 0,6 Prozentpunkte zugesprochen wurden, decken die Finanzlöcher bei weitem nicht.

Die Reformpläne von Gesundheitsminister Rösler, die aktuell eine Kopfpauschale vorsehen, benötigen für die Umsetzung weitere 35 Milliarden Euro, die irgendwie erwirtschaftet werden müssen.

Weil an allen Ecken und Enden Geld fehlt stellt sich die Frage nach der zukünftigen Finanzierung des öffentlichen Gesundheitssystems. Bei den Ärzten (die aktuell für mehr Geld streiken) ist vorerst nichts zu holen, genau wei bei den ohnehin unterfinanzierten Krankenhäusern oder der Pharmaindustrie, die sich wohl mit aller Kraft gegen finanzielle Einschnitte wehren würde.

Es bleibt abzuwarten, wie die defizitäre Lage ausgeglichen werden soll, zudem der einheitliche Beitragssatz alles andere als leicht durchzusetzen sein wird. Selbst das Thema der sonst unantastbaren Familienversicherung steht angesichts der desperaten Situation zur Disposition, während zeitgleich über die Einführung einer neuen Gesundheitssteuer beraten wird.

Am wahrscheinlichsten wird wohl die Anhebung der Beitragssätze bzw. die Erhebung von Zusatzbeiträgen sein. „Ich wage die Vorhersage, dass die meisten Kassen bald eine Zusatzprämie verlangen müssen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher. Viele Anbieter würden die Erhöhung wohl während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika bekannt geben und hoffen, dass ihre Ankündigung im Fußballfieber untergehe.

Quellen: http://www.focus.dehttp://www.sxc.hu