
Anne Will diskutierte über Zweiklassenmedizin (Bild: NDR)
Am Wochenende gab es in der ARD eine Talkshow zum Thema “Solidarität ade – Fördert Schwarz-Gelb die Zwei-Klassen-Medizin?”. Über die anstehende Gesundheitseform diskutierten Karl Lauterbach (SPD), Jens Spahn (CDU), Ines Pohl, Roland Tichy und Volker Leienbach mit Anne Will. Eine Aufzeichnung der gesamten Sendung kann man hier in der ARD Mediathek sehen.
Gibt es eine Zweiklassenmedizin? Joachim Mohr schreibt dazu in seiner Kolumne bei Spiegel Online:
Was für eine Frage! Na klar, die gibt es! Und zwar schon lange! Wer anderes behauptet, der sollte schnellstens einen Arzt aufsuchen. Was mich so sicher macht? Ich habe als Kranker eine ziemlich große Karriere hingelegt. [...]
Sicher, wenn Sie in Deutschland mit Blaulicht in die Notaufnahme rauschen, ist es egal, ob Sie Kassen- oder Privatpatient sind – Sie werden gleich gut verarztet. [...] Sobald es sich nicht um einen brenzligen Fall handelt, sondern um irgendetwas zwischen Asthma, Bandscheibenvorfall und Blasenentzündung, sind Sie als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ohne jeden Zweifel nur zweite Wahl. [...] Das belegen Studien, das habe auch ich bei Arztbesuchen unzählige Male am eigenen Leib erfahren. [Quelle: Spiegel]
Dass es eine Zweiklassenmedizin bereits gibt, kann kaum bezweifelt werden. Nicht ohne Grund fühlen sich laut einer noch unveröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung 90% der Kassenpatienten gegenüber Privatpatienten benachteiligt. Die Frage ist also eher, ob ein solcher Zustand gewünscht oder akzeptabel ist und ob man ihn ändert bzw. wie.
Private Krankenversicherung: Neid auf ein gescheitertes Modell?
Wolfgang Wagner fordert in seinem Leitartikel in der Frankfurter Rundschau, gesetzliche und private Krankenversicherung in ein gemeinsames System zu überführen:
Privat oder Kasse? Millionen Mal wird diese Frage auch heute Patienten wieder gestellt werden. Es ist die Frage, die in Deutschland am Anfang jeder medizinischen Behandlung steht. Die Antwort entscheidet darüber, wann ein Kranker einen Arzttermin bekommt, welche Tabletten er schluckt oder ob er Massagen erhält. Neidisch blicken viele Kassenmitglieder auf die Erste-Klasse-Patienten, die in Kliniken oder Praxen dezent ins Nebenzimmer begleitet werden, damit ihre Vorzugsbehandlung nicht so sehr auffällt. [...]
Das Modell der privaten Krankenversicherung (PKV) ist gescheitert. [...] Jeder versucht, das meiste für sich herauszuholen − dieses Prinzip konnte auf Dauer nicht gutgehen. Das fängt beim Versicherten an: Es ist einfach zu verlockend, als junger Mensch wenig für den Krankenschutz zu zahlen und dann noch die sündhaft teure Brille erstattet zu bekommen. Die Versicherung zahlt, also nimmt man es auch. [...]
Stattdessen ist es nun höchste Zeit, die Trennung zwischen privatem und gesetzlichem System aufzuheben. [...] Das Überführen der beiden Systeme in ein gemeinsames, auf Solidarität angelegtes ist kompliziert und ein langer Prozess. Aber er muss begonnen werden. [Quelle: FR Online]
Sind die jüngsten Pläne der Regierungskoalition (wir berichteten unter der Überschrift “Neue Gesundheitsreform: Private Krankenversicherung profitiert”) ein Schritt zur Vereinheitlichung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung?
Konkurrenzverbot für Krankenkassen, Reisefreiheit für Kassenpatienten
Zunächst scheint es eine Umverteilung (Analysten nennen einen Umfang von ca. 1 Milliarde Euro) von der GKV zur PKV zu sein. Die Grenze zwischen den beiden Systemen wird neu gezogen, die Regeln für Grenzübertritte werden (klar zugunsten der PKV) geändert und Kooperationen erlaubt bzw. vorgeschrieben:
Krankenkassen dürfen keine Wahltarife mehr anbieten sondern müssen sich auf eine einheitliche Versorgung beschränken. Gesetzliche Versicherte können schneller bzw. bei geringerem Einkommen in eine Privatversicherung wechseln. Und private Krankenversicherungen profitieren von günstigen Preisen für Arzneimitteln, die von Krankenkassen mit den Pharmakonzernen ausgehandelt werden.
Doch genau an dieser Stelle scheint auch eine Vereinheitlichung bzw. Angleichung von GKV und PKV zu beginnen. Der stellvertretende Chefredakteur der Ärzte Zeitung, Helmut Laschet, ist eine der bisher wenigen Stimmen, die darauf hinweisen:
[Die private Krankenversicherung] kassiert – gegen eine Management-Gebühr – alle Kostenvorteile, die der Bundesausschuss und der GKV-Spitzenverband erarbeiten, wohlgemerkt nach den Prinzipien der Kassenmedizin. Damit nivelliert sich die Arzneiversorgung in der PKV.
Und der nächste Schritt? Der könnte die Ärzte treffen. Die GOÄ-Novelle steht an. Und dabei haben die Sparkommissare in Bund und Ländern ein gewichtiges Wort mitzureden. Auch das könnte die PKV Profil kosten. [Quelle: Ärzte Zeitung]
Werden die geplanten Reformen, falls sie durchgesetzt werden, wirklich die zukünftige Versorgungsqualität in der PKV verringern bzw. auf das Niveau der GKV angleichen? Und wäre das im Interesse der privaten Versicherer und privat Versicherten?
Zweifelsohne müssen nicht nur die gesetzlichen Krankenkassen sondern auch die Versicherungsunternehmen sparen und können nicht langfristig jedem Versicherten alles medizinisch machbare unabhängig von den Kosten bezahlen. Sonst würden ihre Beiträge für fast alle unbezahlbar.
Existenzgrundlage und Stärke der PKV sind ihre höheren Leistungen
Andererseits kann den Versicherungsunternehmen auch nicht daran gelegen sein, ihre Leistungen denen der Krankenkassen zu sehr anzugleichen, weil sie dadurch ihre Existenzgrundlage verlieren würden. Günstige Monatsbeiträge sind für viele ihrer Kunden angenehm, jedoch nicht das wichtigste.
Denn obwohl sie teilweise auch günstiger sind als gesetzliche Krankenversicherungen liegt die eigentliche Stärke der PKV in ihren höheren Leistungen für die Versicherten: Der größeren Auswahl an besonders qualifizierten Ärzten, neueren und umfangreicheren Behandlungen sowie teureren Medikamenten.
Falls die PKV zu viel von der GKV “geschenkt” bekommt — nicht nur günstigere Arzneipreise sondern auch geringere Aufnahmehürden, finanzschwächere Versicherte, restriktivere Leistungskataloge und Gebührenordnungen etc. — dann könnte ihr das sehr schlecht bekommen.
Manche Kritiker meinen, dass die aktuellen Reformpläne direkt aus der Feder von Lobbyisten der PKV stammen. Wenn diese Reformen jedoch tatsächlich auch erste Schritte zur einer fortschreitenden Angleichung der privaten an die gesetzliche Krankenversicherung sind, wird sich das scheinbare Geschenkpaket für private Krankenversicherungen womöglich (zumindest aus Sicht der PKV) noch als Büchse der Pandora herausstellen.
Mit dem Öffnen der Büchse der Pandora brach nach der griechischen Mythologie alles Schlechte über die Welt herein, doch sie brachte auch die Hoffnung. Zuvor hatte die Menschheit keine Übel, Mühen oder Krankheiten gekannt. Heute ist das „Öffnen der Büchse der Pandora“ der Inbegriff für das Stiften nicht wiedergutzumachenden Unheils. [Quelle: Wikipedia]
Veröffentlicht am 21. September 2010 im Beste Private Krankenversicherung Nachrichten Blog.
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