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Neue Gesundheitsreform: Private Krankenversicherung profitiert

Sunday, September 19th, 2010
Krankenversicherung

Zur Zeit häufen sich die Meldungen über Pläne der Regierungskoalition, von denen private Krankenversicherungen und Privatversicherte profitieren.

CDU/CSU und FDP bereiten diverse Änderungen im Gesundheitswesen vor, die offenbar größtenteils zu Lasten von Krankenkassen und Kassenpatienten gehen werden.

Eine kommentierte Presseschau mit Zitaten aus aktuellen Zeitungsbeiträgen und online veröffentlichten Artikeln:

Die Bundesregierung rüttelt erneut an der strikten Trennung zwischen den gesetzlichen Krankenkassen  (GKV) und privaten Krankenversicherern (PKV). Künftig sollen offenbar alle Versicherungsanbieter für neue Medikamente denselben Preis zahlen. Bislang handelt der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen mit den Herstellern die Konditionen aus, die aber nur für seine Mitglieder und nicht für die privaten Versicherer gelten.

Es ist nicht die erste Neuerung der vergangenen Wochen, welche den privaten Krankenversicherern zugutekommt. Zuvor hatten die Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition angedacht, dass gesetzliche Krankenkassen künftig keine Zusatzleistungen wie Einbettzimmertarife oder Chefarztbehandlung anbieten dürften. Außerdem sollten junge Gutverdiener bereits nach einem Jahr Wartezeit in eine PKV wechseln können; bislang beträgt die Frist drei Jahre. Diesen Zeitpunkt zu wählen, ist für die gesetzliche Konkurrenz besonders schlecht. Denn die ist gezwungen, zum gleichen Zeitpunkt die Beiträge kräftig anzuheben. Für potentielle Kunden bietet sich also ein doppelter Anreiz für einen Wechsel.

Die privaten Krankenversicherer locken mit niedrigen Prämien Gutverdiener aus den Krankenkassen an. Jetzt will die Regierungskoalition die privaten Versicherer beschenken. SPD, Grüne und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) verurteilten das Vorhaben als Zumutung für die Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherungen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach von einer Klientelpolitik zu Lasten der Beitragszahler in der gesetzlichen Krankenversicherung. Weil nun viele Gutverdienende in die PKV wechselten, werde der Beitrag für die GKV steigen. Die Grünen-Politikerin Biggi Bender sagte: “Für die PKV lacht die Sonne. Den Schaden haben die GKV-Versicherten.” [Quelle: Süddeutsche]

Reform gegen Preisgestaltung der Pharmakonzerne?

Anders als zahlreiche Kritiker und Kommentatoren sieht die FDP die geplanten Änderungen nicht als Geschenk an die Private Krankenversicherung sondern als Werkzeug gegen unnötige Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen von Pharmakonzernen:

Damit wolle man verhindern, dass die Pharmaindustrie sich die Summen bei den Privaten wiederhole, die sie bei den Gesetzlichen als Rabatt gewähren müsse, sagte die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Ulrike Flach. [Quelle: RP Online]

Geschenk doch noch in Rechnung gestellt

Nachdem schnell scharfe Kritik darüber laut wurde, dass die geplanten Reformen einseitig zugunsten der PKV gehen, hat die Regierungskoalition ihre Pläne noch in einem Detail geändert:

Die privaten Krankenversicherer (PKV) müssen an die gesetzlichen Kassen zahlen, wenn sie die gesenkten Arzneimittelpreise übernehmen wollen. Darauf einigten sich am Montag die Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition. Konkret geht es dabei um die Kosten,  die anfallen, wenn der Nutzen eines Medikaments untersucht wird. Diese Erhebung dient nach dem von FDP und Union geplanten System als Voraussetzung, um den Preis der Arznei verhandeln zu können. Nach Angaben aus der Koalition sollen die Privaten etwa zehn Prozent der Summe übernehmen, die für die Prüfungen anfallen. [Quelle: Süddeutsche]

Neuer Grenzverlauf: Einseitig durchlässig?

GKV und PKV sollen zwar künftig die gleichen Preise für Arzneimittel bezahlen und verstärkt zusammenarbeiten, jedoch als getrennte Systeme bestehen bleiben:

Bestimmte Regelungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sollten “analog angewandt werden”, sagte Sprecher Christian Lipicki. Dies bedeute aber nicht, dass die Trennung zwischen beiden Systemen aufgeweicht werde. Beide Systeme blieben getrennt bestehen, sagte Lipicki am Montag in Berlin und bestätigte damit einen Bericht der “Financial Times”. [Quelle: RP Online]

Es wird offenbar weiterhin eine Trennung zwischen GKV und PKV geben, die Grenze aber nicht für beide Seiten gleich strikt gelten:

Die Gesundheitspolitiker der CDU wollen die Grenzen zwischen GKV und PKV zugunsten der Privatversicherer neu ziehen: Einerseits sollen dabei die Möglichkeiten der gesetzlichen Krankenkassen eingeschränkt werden, Wahltarife mit PKV-Charakter anzubieten. Anderseits befürworten Jens Spahn, Karin Maag und Dr. Rolf Koschorrek in einem gemeinsamen Positionspapier den Ausbau der Kooperation von GKV und PKV beim Vertrieb von Zusatzversicherungen und beim gemeinsamen Einkauf von Leistungen wie Hilfsmittel und über Arzneimittelrabattverträge.

Verzichten sollen nach dem Willen der drei CDU-Politiker die gesetzlichen Kassen künftig auf Wahltarife zur Chefarztbehandlung, für Auslandskrankenversicherung, für Ein/Zweibettzimmer und Zahnersatz. Zusatzversicherungen für Chefarztbehandlung, Zahnersatz etc. sollten “ausschließlich privaten Krankenversicherern” vorbehalten bleiben. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Angeblicher Nutzen für Kunden von PKV und GKV

Laut FDP soll das Verbot für Krankenkassen, Wahltarife anzubieten, die gesetzlich Versicherten schützen:

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Daniel Bahr (FDP), sagte der “Ärzte Zeitung”, es gehe primär darum, die Tarifangebote von privater und gesetzlicher Krankenversicherung sauber voneinander zu trennen. Gesetzlichen Kassen [war es bisher] erlaubt, ihren Versicherten Tarife anzubieten, die ihnen beispielsweise im Krankenhaus eine Chefarztbehandlung oder eine Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer ermöglichen. “Wir sehen hier eine Vermischung gerade aus Sicht der Versicherten, die in den Wahltarifen weniger Schutz haben als in privaten Versicherungen, weil für sie das Versicherungsvertragsgesetz nicht gilt”, sagte Bahr. [Quelle: Ärztezeitung]

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Cornelia Yzer, kritisiert die Reformpläne als Systembruch:

Es sei natürlich problematisch, wenn die PKV jetzt ein Gleichziehen in der Preispolitik mit der GKV fordere und auf der anderen Seite aber Schutzzäune gegen die gesetzlichen Krankenkassen hochziehen wolle. „Da stellen sich verfassungsrechtliche Fragen, die gelöst werden müssen“, sagte Yzer.

Yzer wies die Vermutung zurück, dass bei Arzneimitteln für Privatpatienten und GKV-Versicherte erhebliche Preisunterschiede bestünden: „Die gibt es nicht.“ Die Arzneimittelpreisverordnung regele für alle Versicherten die Arzneimittelpreise gleichermaßen. Unterschiede bestünden nur, „wenn Rabatte ausgehandelt wurden“. Die PKV habe seit langem selbst Rabattverhandlungen mit den Herstellern führen können. Dies aber nicht getan. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Kostenbegrenzung für Arbeitgeber und PKV gegen das Defizit der GKV?

Gesundheitsminister Rösler versucht Skeptiker und Kritiker zu beschwichtigen:

Auf dem 1. Berliner Forum für Wirtschaft und Gesundheit, veranstaltet von der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), sagte Rösler: “Lassen Sie sich nicht blenden durch die kurzfristigen Reformmaßnahmen für 2011.”

Als Rechtfertigung verwies Rösler auf das erwartete Defizit der gesetzlichen Krankenkasse im kommenden Jahr in Höhe von mindestens zehn Milliarden Euro. Leicht falle es einem liberalen Minister nicht, “eher dirigistische Maßnahmen” wie Zwangsrabatte und Preisstopp im Arzneimittelsektor vorzuschreiben. Das sei aber kurzfristig akzeptabel, weil die Bundesregierung zugleich strukturelle Änderungen durchsetze, sagte Rösler.

Vor allem werde der Arbeitgeberbeitrag dauerhaft festgeschrieben und damit die Kostendynamik im Gesundheitswesen von den Lohnkosten abgekoppelt. [Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung]

Ob diese Ausführungen Arbeitnehmer, Kassenpatienten und deren Interessenvertreter überzeugen bleibt wohl fraglich. Der angedachte Sozialausgleich für einkommensschwache gesetzlich Versicherte scheint jedenfalls noch keine konkrete Form angenommen zu haben:

Um die umstrittenen Zusatzbeiträge plus Sozialausgleich für Kassenpatienten ringt die Koalition weiter. Der Chef der CSU- Landesgruppe im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, sagte, Detailfragen müssten noch geklärt werden. Laut Entwurf sollen die Kassen die Daten sammeln und dem Arbeitgeber mitteilen, welches Einkommen er beim Sozialausgleich zugrundelegen soll. Die Auskunftspflicht der Arbeitnehmer zu ihre Einnahmen soll erweitert werden.

Die Arbeitnehmer sollen Kostensteigerungen bei Gesundheit künftig allein über nach oben offene Zusatzbeiträge schultern und unter Umständen einen Sozialausgleich bekommen. Für 2011 wird damit noch nicht gerechnet, weil zunächst der Beitragssatz von 14,9 auf 15,5 Prozent steigen und das erwartete 11-Milliarden-Defizit der Kassen mindern soll. [Quelle: Focus]

Politiker wollen Arzneimittel zukünftig selbst bewerten

Das Magazin Focus berichtet auch von weitergehenden Plänen der Koalition:

Um die Arzneimittelpreise weiter zu senken, will die schwarz-gelbe Bundesregierung sich künftig zudem stärker in die Bewertung neuer Medikamente einmischen und dem Einfluss von Ärzten und Krankenkassen entziehen. Demnach soll das Gesundheitsministerium per Rechtsverordnung die Kriterien festlegen, nach denen sich der zusätzliche Nutzen bemisst, den ein neues Arzneimittel bietet. Diese Kriterien sind wichtig, entscheidet der Zusatznutzen doch künftig über die Preise, die die Hersteller für ihre neuen Medikamente verlangen können.

Bislang war die Aufgabe der Kosten-Nutzen-Bewertzng neuer Arzneimittel beim Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen verortet – auch, weil man bei der Bewertung nicht auf medizinischen und gesundheitsökonomischen Sachverstand verzichten wollte. Das soll sich nun offenbar ändern.

In Koalitionskreisen hieß es, künftig sollten weichere Kriterien wie die Patientenzufriedenheit eine größere Rolle in der Nutzenanalyse spielen. Ob Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) dem folgt, sei zwar noch offen. Allerdings hätten die Fraktionen ihre Wünsche bereits in einem Änderungsantrag abgestimmt. Darin sei auch eine Klausel enthalten, die es den Konzernen erlauben würde, ganz aus dem Regime der Nutzenanalysen auszusteigen. So sollen Arzneimittel „mit nur geringer wirtschaftlicher Bedeutung“ von dem Kontrollregime ganz befreit werden. Die Einschätzung, wie stark sich ein Medikament verkauft, solle der Hersteller liefern, heißt es in dem Antrag, der der Zeitung vorliegt. [Quelle: Focus]

Reformplan aus der Feder der Pharmakonzerne?

FR Online weiß zu berichten, woher die Pläne der Koalition stammen. Interessanterweise nämlich offenbar von jenen, die durch in Deutschland stark überhöhte Arzneipreise große Gewinne machen:

Die Pharmaindustrie schröpft das deutsche Gesundheitssystem mit stark überhöhten Preisen, sagen Analysten. Neun Milliarden Euro ließen sich sparen, wenn Arznei hier so teuer wie in Schweden wäre. Der neue Arzneiverordnungsreport hat ergeben, dass die Pharma-Industrie das deutsche Gesundheitssystem in weit stärkerem Maße als bisher bekannt mit stark überhöhten Medikamenten-Preisen schröpft.

Der Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, Ulrich Schwabe, betonte, trotz einiger Eingriffe der Politik seien Arzneimittel in Deutschland immer noch deutlich teurer als in anderen europäischen Staaten. Die Versicherung der Pharmaindustrie, dass die Mittel hier nicht teurer angeboten würden als in anderen Industriestaaten, sei falsch und „manipuliert“. Denn Länder mit sehr niedrigen Preisen wie Frankreich, Spanien oder Italien seien in Vergleichsstudien des deutschen Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller einfach weggelassen worden. Würde man die Generika-Preise in Deutschland nun auf das schwedische Niveau absenken, so könnte die gesetzliche Krankenversicherung laut Report 4,1 Milliarden Euro sparen.

Thema bei der Vorstellung des Reports war auch die vergangene Woche bekanntgewordene erfolgreiche Beeinflussung der Koalition durch die Pharmaindustrie. Wie berichtet, hatten sich Union und FDP auf den Vorschlag des Verbandes der forschender Arzneimittelhersteller geeinigt, die Kriterien für die Nutzenbewertung von patentgeschützten Medikamenten nicht dem unabhängigen Bundesausschuss zu überlassen, sondern durch die Regierung selbst zu bestimmen. Das erregte den Verdacht, Schwarz-Gelb wolle die Kriterien pharmafreundlich gestalten. [Quelle: FR Online]

Widerstand der Gewerkschaften

Vertreter der Arbeitnehmer warnen vor den geplanten Änderungen und schlagen Alternativen vor:

Versicherte sollen künftig alle Kostensteigerungen im Gesundheitswesen selber schultern. Die Arbeitgeber werden von der paritätischen Finanzierung entbunden. Nun zurrt das Gesundheitsministerium die letzten Details der Reform fest. Der Deutsche Gewerkschaftsbund läuft Sturm dagegen. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach:

Das ist völlig inakzeptabel. Die Beschäftigten und Rentner müssen schon seit 2005 jedes Jahr 15 Milliarden Euro mehr zahlen als die Arbeitgeber. Wenn der Arbeitgeberbeitrag nun auch noch eingefroren wird, wird diese Schieflage zu einer richtig dicken Belastungswelle für 90 Prozent der Bevölkerung.

Das Versprechen von „mehr Netto vom Brutto“ würde sich mit den Plänen von Minister Rösler ins Gegenteil verkehren. Die soziale Schieflage in Deutschland würde sich deutlich verschärfen und genau gegen diese Schieflage werden wir im Herbst kämpfen. Wir haben ein breites Bündnis „Köpfe gegen die Kopfpauschale“ initiiert und werden öffentlich Druck gegen diesen Systembruch machen.

Wenn die gesetzliche Krankenversicherung wieder paritätisch finanziert wird, ist die Versorgung gesichert und den Menschen bleibt die Kopfpauschale erspart. Mittel- und langfristig wollen wir eine Bürgerversicherung, zu deren Finanzierung nicht nur die Löhne, sondern auch die Kapitaleinkünfte und die privaten Krankenversicherungskonzerne einbezogen werden sollen. [Quelle: FR Online]

Kopfpauschale durch die Hintertür

Sind die jüngsten Reformpläne weitere Schritte auf dem Weg, doch noch die stark umstrittene “Kopfpauschale” einzuführen?

Beobachter sprechen bereits von einem systematischen Ausbluten der gesetzlichen Gesundheitsversorgung. Die Bürger sollen sich zukünftig mehr privat absichern und nur noch eine Basis-Grundversorgung von der GKV erhalten. Denn den Kassen bleibt zukünftig nichts anderes mehr übrig, als Leistungen immer weiter einzuschränken. Darüberhinaus gehende Leistungen sollen nur noch zusätzlich privat versichert werden können. Das ist, wie einige Sozialverbände zu Recht kritisieren, eine Kopfpauschale durch die Hintertür. [Quelle: Heilpraxisnet.de]

Widerstand gibt es jedenfalls von vielen Seiten, so auch von Fritz Kuhn, dem stellvertretender Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN:

Die schwarz-gelbe Regierung hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) so viele Steine in den Weg zu legen, wie nur irgend möglich. Diese Pläne sind ein Schlag ins Gesicht aller gesetzlich Versicherten. Wir werden uns dieser systematischen Beschneidung der Finanzierungsgrundlagen der GKV entgegen stellen. [Quelle: Gesundheit Adhoc]

Wechselwelle zur PKV wird erwartet

Krankenkassen und gesetzlich Versicherte gewinnen den Eindruck:

Die Private Krankenversicherung ist offenkundig das Hätschelkind der Bundesregierung. Während die Kassen der Gesetzlichen Krankenversicherung ihren Mitgliedern verstärkt Zusatzbeiträge abknöpfen und bereits zugesagte Steuerzuschüsse immer wieder aufs Neue erbetteln müssen, bekommen die Privaten momentan einige Geschenke – ganz so, als wäre es schon Weihnachten und hätte die Diskussion um die Abschaffung der PKV nie gegeben. [Quelle: Neues Deutschland]

Eberhard Jüttner, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, findet:

Es ist ein Skandal, wie die Bundesregierung Gutverdienende und gesunde Versicherte nahezu dazu drängt, sich aus der Solidargemeinschaft in die Private Krankenversicherung zu flüchten Der Paritätische rechnet damit, dass mit der Neuregelung über 360.000 besonders gesunde und einkommensstarke Versicherte jährlich in die PKV wechseln werden. [Quelle: Der Paritaetische]

Reformnutzen auch für Privatversicherte mit geringerem Einkommen

Währenddessen weist Minister Rösler darauf hin, dass nicht nur gut verdienende Menschen privat krankenversichert sind:

In den vergangenen Jahren sei es für die privaten Krankenversicherungen zu hohen Steigerungen der Arzneimittelausgaben gekommen, sagte der Sprecher von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) am Montag in Berlin. Die Union habe darauf gedrängt, sie zu entlasten. Die Regelung, die beim Medikamenteneinkauf für die Kassen gelte, solle deshalb „analog“ für die privaten Versicherungen gelten. Das sei „im Sinne derjenigen, die in der privaten Krankenversicherung abgesichert sind – das sind nicht nur Gutverdiener“.

Während das Arzneimittelgesetz schon im Bundestag ist, will das Kabinett die Gesundheitsreform erst am 22. September beschließen. [Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung]

Folgen schlimmer als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Sollte sich an der jetzt von der schwarz-gelben Bundesregierung verfolgten Gesundheitspolitik nichts ändern, prophezeite der Gesundheits-Experte Karl Lauterbach (SPD) weitaus Schlimmeres als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft:

„Wir sind am Vorabend der Drei-Klassen-Versorgung.“ Und so sieht die – mögliche – Drei-Klassen-Versorgung nach Angaben von Lauterbach aus: Ganz unten stehe der ländliche Raum, wo es große Lücken geben werde, dann komme die Versorgung in den Städten für die gesetzlich Versicherten, und über allem thronten die Privatversicherten: „Für die wird es immer eine Bedarfsdeckung geben.“

Wenn die Privaten jetzt auch noch bei den Arzneimittelpreisen mit den Gesetzlichen gleichgestellt würden, sei der letzte Vorteil der GKV beseitigt worden. Da die private Assekuranz bei der Bundesregierung all ihre Wünsche habe durchsetzen können, plädiere er dafür, dass ein Verbandsvertreter endlich auch ganz offiziell das Amt des Gesundheitsministers übernehme. [Quelle: Siegener Zeitung]

Kommentare sind willkommen…
Foto: © ChrisBeck / PIXELIO

GKV: Hohe Strafe bei Zusatzbeitrag Zahlungsverzug

Thursday, August 19th, 2010

Laut den Plänen der Bundesregierung sollen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zukünftig verstärkt einkommensunabhängig berechnet und die umstrittenen Zusatzbeiträge mit Hilfe hoher Säumniszuschläge eingetrieben werden.

Da sich die zunächst geplante, vom Einkommen des Versicherten unabhängige Kopfpauschale vor allem wegen ihrer “fehlenden sozialen Gerechtigkeit” auf starke Kritik stieß und nicht durchsetzen ließ, soll ein derartiger Umbau der Beitragsberechnung nun durch einkommensunabhängige Zusatzbeiträge ohne Obergrenze erfolgen.

Schon seit einigen Monaten stellen verschiedene Krankenkassen ihren Versicherten Zusatzbeiträge in Rechnung. Einige Kassen haben jedoch bisher nur geringen Erfolg dabei, diese Zahlungen von ihren Versicherten zu einzutreiben.

Deshalb planen Politiker und Krankenkassen jetzt die Einführung hoher Gebühren bzw. Strafen für gesetzlich Versicherte, die ihre Zusatzbeiträge nicht gezahlt haben: Drei monatliche Zusatzbeiträge müssen bei Zahlungsverzug zusätzlich an die Krankenkasse überwiesen werden.

Das sind je nach Krankenkasse mindestens 30 und höchstens 120 Euro, bei einer Erhöhung des maximalen Zusatzbeitrags oder dem geplanten Wegfall der Obergrenze könnten diese “Säumniszuschläge”  sogar noch teurer für die Versicherten werden.

Geldstrafen gegen “zivilen Ungehorsam” von Kassenpatienten?

Es scheint als wolle man,  nachdem die zunächst geplante Kopfpauschale nicht durchsetzbar war, jetzt auf Nummer sicher gehen: Sollen die zukünftig von ihrem Einkommen unabhängigen Beiträge, die gesetzlich Versicherte an ihre Krankenkasse zahlen müssen, auf keinen Fall am Ende doch noch durch zivilen Ungehorsam von Kassenpatienten scheitern? Die Höhe dieser “Säumniszuschläge” liegt jedenfalls deutlich über den üblichen Zinsen oder den in anderen Fällen erlaubten Mahngebühren.

Ziviler Ungehorsam ist eine Form politischer Partizipation, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen. Durch einen symbolischen, aus Gewissensgründen vollzogenen, und damit bewussten Verstoß gegen rechtliche Normen zielt der handelnde Staatsbürger mit einem Akt zivilen Ungehorsams auf die Beseitigung einer Unrechtssituation und betont damit sein moralisches Recht auf Partizipation. Die Normen können sich durch Gesetze, Pflichten oder auch Befehle eines Staates oder einer Einheit in einem staatlichen Gefüge manifestieren.

Durch den symbolischen Verstoß soll zur Beseitigung des Unrechts Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung genommen werden.  Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstruktur gerichtet ist. Die Methoden und Aktionsformen von zivilem Ungehorsam und Widerstand gleichen sich jedoch in vielen Fällen. Als moderne Väter des Konzepts gelten Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King, Jr. [Quelle: Wikipedia]

Eine kleine kommentierte Presseschau mit Ausschnitten aktueller Zeitungs-Artikel zu den geplanten Säumniszuschlägen:

Den Anfang machte vor einer Woche, am 12.08.10, die Deutsche Apotheker Zeitung mit der Schlagzeile

Zusatzbeitrag: Rösler will säumige Versicherte bestrafen

GKV-Versicherte, die den künftig von den gesetzlichen Krankenkassen verlangten Zusatzbeitrag nicht bezahlen, sollen mit einem Aufschlag von zwei Prozentpunkten auf den Einheitsbeitrag “bestraft” werden. Das geht aus dem “Diskussionsentwurf” zum GKV-Finanzierungsgesetz des Bundesgesundheitsministeriums hervor, der an die Fraktionen von CDU/CSU und FDP verschickt wurde. Danach sollen säumige Versicherte statt 8,2 Prozent 10,2 Prozent zahlen. Die Krankenkasse soll den Arbeitgeber über die Zahlungsunwilligkeit des Versicherten informieren.

Nach ein paar Tagen relativer Ruhe in den Mainstream-Medien berichtete als nächstes Focus Online am 16.08. über die Pläne, die inzwischen nicht mehr den Weg über die Arbeitgeber vorsahen:

Gesundheit: Politik fordert Säumnis-Zuschlag bei Krankenkassen

Die Gesundheitspolitiker der schwarz-gelben Koalition hätten am Montag einem entsprechenden Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums zugestimmt, hieß es in Koalitionskreisen. Allerdings verwarfen sie zunächst die Idee, dass der Arbeitgeber den Säumniszuschlag einziehen soll, wenn Versicherte mehr als sechs Monate ihren Zusatzbeitrag nicht zahlen.

Focus Money Online konnte am folgenden Tag bereits konkret vermelden, dass für säumige gesetzlich Krankenversicherte zwischen 30 und 120 Euro zusätzlich fällig werden sollen:

Kassen-Zusatzbeitrag: Strafgeld für säumige Zahler

Höchstens soll dieser Säumniszuschlag so hoch wie drei monatliche Zusatzbeiträge sein, wie es aus Koalitionskreisen hieß. Rund eine Million Versicherte verweigert laut einem Zeitungsbericht den gesetzlichen Kassen bisher die Zahlung des Zusatzbeitrags. Der Anteil der säumigen Mitglieder beträgt je nach Krankenkasse bis zu 30 Prozent. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) drängt die Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass die Zahlung der Zusatzbeiträge ohne großen bürokratischen Aufwand sichergestellt wird.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hatte den Koalitionsfraktionen vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform vorgelegt. Danach sollen die Kassen künftig von den Versicherten Zusatzbeiträge in unbegrenzter Höhe erheben können. Bisher ist der Zusatzbeitrag, den Kassenmitglieder aus eigener Tasche zahlen müssen, auf maximal ein Prozent des Einkommens oder pauschal acht Euro im Monat ohne Einkommensprüfung begrenzt. Gewerkschaften und Ärztevertreter bekräftigten ihre Kritik an den Reformplänen.

Die Frankfurter Allgemeine berichtete am 17. und 18.08. zum selben Thema:

Zusatzbeiträge der Kassen: Säumige Versicherte sollen Strafgeld zahlen

Wer den Zusatzbeitrag an seine Krankenkasse nicht pünktlich zahlt, muss künftig mit Säumniszuschlägen rechnen. Allerdings sollen diese nicht, wie bislang vom Gesundheitsministerium geplant, durch den Arbeitgeber eingezogen werden. Einen entsprechenden Vorschlag verwarfen die Gesundheitspolitiker aus Union und FDP [bei ihren] Beratungen über den Entwurf des „Gesetzes zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung“.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP, Ulrike Flach, stellte aber klar: „Es wird auf jeden Fall Säumniszuschläge geben, nur ist die Organisation noch nicht ausgereift.“ Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn (CDU), sagte, man sei sich einig, dass es nachvollziehbare und angemessenen Sanktionen für die geben müsse, die ihre Zusatzbeiträge nicht bezahlten.

Die Regierung will die Beitragssätze zur Krankenversicherung auf dem neuen, höheren Niveau von dann 14,5 Prozent festschreiben. Mehrkosten sollen allein über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die Kassen von ihren Mitgliedern verlangen.

Die Gespräche stehen unter Zeitdruck, weil zum Wochenende die Abstimmung der Ressorts beginnen soll. Das Kabinett würde den Entwurf nach heutiger Planung am 22. September beschließen. Das Gesetz soll zum 1. Januar in Kraft treten.

Im zweiten Artikel werden dann weitere interessante Aspekte der von CDU/CSU und FDP vorbereiteten Änderungen im Gesundheitssystem angesprochen. Geplant sind auch eine Erhöhung der Ärztehonorare und ein Verbot für gesetzliche Krankenkassen, ihren Versicherten Tarife mit Chefarztbehandlung, besserer Krankenhaus-Unterbringung und Übernahme ähnlicher “Mehrkosten” anzubieten:

Säumige Kassenpatienten: Mindestens 30 Euro Strafe

Die Regierungskoalition ist sich einig: Gesetzlich Krankenversicherte, die ihren Kassen die Zusatzbeiträge vorenthalten, sollen mit der Zahlung von mindestens 30 Euro bestraft werden. Unterdessen sollen die Ärztehonorare trotz Sparpaket im kommenden Jahr um 1,2 Milliarden Euro steigen. Heute sind Versicherte zwar auch zur Zahlung des Zusatzbeitrags verpflichtet, die Kassen haben aber kaum Sanktionsmöglichkeiten.

Die Koalitionäre einigten sich auch darauf, die angekündigte klare Trennung von Tarifangeboten der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung noch im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens einzufügen. Ziel ist offenbar, der gesetzlichen Versicherung Tarife zu untersagen, die im Krankenhaus Chefarztbehandlung und bessere Unterbringung enthalten oder die Mehrkosten eines Kostenerstattungstarifs decken, wie sie zum Beispiel die AOK Rheinland/Hamburg anbietet. Die Gesetzliche Krankenversicherung soll sich auf Kostenerstattung, Selbstbehalte und besondere medizinische Zusatzleistungen konzentrieren.

Der CDU-Gesundheitsfachmann Jens Spahn sprach von einer guten Grundlage für die weiteren Beratungen.

Die Frage ist vielleicht nur: Gut für wen? Cui bono? Vermutlich werden sich die Politiker einigen können, viele GKV-Kunden aber wohl über die verschärften Sanktionen, die ihnen drohen, wenig begeistert sein.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 18.08. mit Hinweis auf die schon bisher bestehenden Sanktionsmaßnahmen:

Zusatzbeitrag: Wer zu spät zahlt, den bestraft die Kasse

Bislang haben die Krankenkassen wenig Möglichkeiten, die Zahlung der Beiträge zu erzwingen: Anders als früher dürfen sie säumigen Mitgliedern nicht mehr einfach den Versicherungsschutz kündigen. Sie dürfen lediglich den Schutz auf das medizinisch Notwendigste reduzieren. Außerdem können sie ein normales Mahnverfahren einleiten, bei dem auch schon jetzt geringe Säumniszuschläge möglich sind.

Für Gesundheitsminister Rösler ist das Strafgeld auch deshalb wichtig, weil er das Instrument der Zusatzbeiträge mit der Gesundheitsreform ausweiten will. Künftig dürfen die Krankenkassen einen Beitrag in unbegrenzter Höhe erheben. Die Arbeitnehmer müssen diesen Anteil alleine tragen.

In einigen Berichten ist auch schon von bis zu 225 Euro Säumniszuschlag für “Gutverdiener” die Rede, was aber laut einem Artikel des Deutschen Ärzteblatts vom 18.08. durch das Gesundheitsministerium dementiert wurde — Die Strafe ist nach oben offen und kann zur Pfändung von Gehalt, Konto und Sachwerten führen:

Ministerium weist Bericht über Säumniszuschlag von 225 Euro zurück

Die maximale Höhe des geplanten Säumniszuschlags für gesetzlich Kranken­versicherte lasse sich nicht pauschal benennen, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Berlin zu einem Bericht der „Rheinischen Post“. Eine Obergrenze wie die in dem Bericht genannten 225 Euro gebe es nicht.

Die [Säumniszuschläge] soll künftig jeder Versicherte zahlen müssen, der ein halbes Jahr nicht den Zusatzbeitrag gezahlt hat. Der Patient behält seinen Versicherungsschutz [...] Allerdings drohen, wenn die am Dienstag vereinbarten Pläne der schwarz-gelben Koalition umgesetzt würden, Inkasso- oder sogar Pfändungsverfahren.

Auf Versicherungsseite.de gibt es “konstruktive Kritik” für gesetzlich Krankenversicherte, die ihre Zusatzbeiträge nicht bezahlen:

Säumniszuschlag erst ab Gültigkeit der neuen Gesundheitsreform

Eigentlich ist dieser Schritt absolut notwendig. [...] Säumige Versicherte schaden ganz eindeutig der Versichertengemeinschaft. [...] Es ist sowieso etwas unverständlich warum manche Versicherte den Zusatzbeitrag nicht zahlen. Mit Erhebung des Zusatzbeitrags haben die meisten Versicherten (die sich nicht für einen Wahltarif entschieden haben) ein Sonderkündigungsrecht und können zu einer Kasse wechseln, die keinen Zusatzbeitrag erhebt.  [...] Der Protest gegen den Zusatzbeitrag durch Wechsel der Krankenkasse hat mehr Stil, als einfach den Zusatzbeitrag nicht zu zahlen.

So kann man die Frage, wem der geplante Säumniszuschlag nutzt, auch aus der anderen Richtung betrachten: Wem schadet eine weit verbreitete “Verweigerung” der Zahlung des einkommensunabhängigen Krankenkassen-Zusatzbeitrages?

Zwingt sie die anderen gesetzlich Versicherten dazu, noch höhere Zusatzbeiträge zu bezahlen? Oder werden dadurch die Politiker dazu gebracht, andere Lösungen für die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung zu finden?

Egal ob er abschreckend genug wirkt oder nicht: Der jetzt geplante Zusatzbeitrag-Säumniszuschlag wird wohl, falls er tatsächlich rechtsgültig beschlossen wird, den Krankenkassen einiges an neuen Einnahmen bescheren und die “Kopfpauschale Light” der einkommensunabhängigen Zusatzbeiträge fester im deutschen Gesundheitssystem verankern.

GKV Beitrag und Zusatzbeitrag werden wieder erhöht

Tuesday, July 6th, 2010

Presseschau: Meldungen und Kommentare zur aktuell beschlossenen Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und Zusatzbeiträge

Spiegel Online erinnert an das gleiche Spiel bei der vorherigen WM und warnt vor 20% Krankenkassenbeitrag bis 2010:

Der Zeitpunkt für die schlechte Nachricht war geschickt gewählt. Gerade erst hatte die Fußball-Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale Argentinien besiegt. Und die meisten Bundesbürger fieberten bereits dem Halbfinale gegen Italien entgegen. Die Regierung nutzte die Gunst der Stunde, um eine saftige Beitragserhöhung bei der Krankenversicherung zu beschließen.

So geschah es Anfang Juli 2006, zu Zeiten der Großen Koalition.

Im WM-Sommer 2010 verläuft das Reform-Schauspiel nach dem gleichen Muster. Mit zwei kleinen Unterschieden: Statt Schwarz-Rot regiert inzwischen Schwarz-Gelb. Und die Nachricht einer massiven Beitragserhöhung wurde nicht zwischen Halb- und Viertelfinale publik, sondern einen Tag vor der Neuauflage des WM-Viertelfinals von 2006.

Nach acht Monaten ist FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) nun da angekommen, wo seine Vorgängerin Ulla Schmidt (SPD) nach acht Jahren aufgehört hat.

Bis 2020 könnte sich der Fehlbetrag in der gesetzlichen Krankenversicherung sogar auf 45 Milliarden Euro erhöhen. Um diese Summe zusammenzukratzen, müsste etwa der allgemeine Beitragssatz im gleichen Zeitraum um 4,5 Prozentpunkte auf 20 Prozent steigen. Oder der Zusatzbeitrag entsprechend ausgeweitet werden. So oder so läge der Gesamtbeitrag zur Krankenversicherung dann schlimmstenfalls bei rund 20 Prozent. Also etwa auf dem Niveau, auf dem sich bereits der Beitragssatz zur Rentenversicherung befindet.

Im Donaukurier wird ergänzt, dass die 2% Zusatzbeitrag nur ein Zwischenschritt zu weiteren Erhöhungen sind:

Die Koalition will neben der Beitragserhöhung auch den Spielraum der Kassen bei den Zusatzbeiträgen erweitern. Zusatzbeiträge können die Kassen von ihren Versicherten erheben, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen. Es wird erwogen, die bisherige Begrenzung der Zusatzbeiträge auf ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens auf zwei Prozent hochzusetzen. FDP-Generalsekretär Christian Lindner widersprach einem Bericht der “Berliner Zeitung”, dem zufolge die Liberalen die Obergrenze komplett aufheben wollten. Allerdings sollen die Kassen nach dem Willen der FDP auch höhere Zuschläge als die zwei Prozent erheben können

Der Tagesspiegel erinnert an Wahlversprechen und kündigt für kommendes Jahr Sozialabgaben von über 40% an:

Im Herbst 2009, zu Beginn der Wahlperiode, verkündeten CDU, CSU und FDP in ihrem Koalitionsvertrag noch vollmundig: „Wir werden dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt, dass den Bürgern mehr Netto vom Bruttoeinkommen bleibt.“ Ein dreiviertel Jahr später haben die Koalitionspartner angesichts der desaströsen Haushaltslage nicht nur das Versprechen kassiert, die Steuern zu senken. Sie planen nun auch eine deutliche Erhöhung der Krankenkassenbeiträge im Jahr 2011. Gleichzeitig steigt der Arbeitslosenbeitrag leicht an. Mit der Folge, dass Arbeitnehmern dann „weniger Netto vom Brutto“ bleiben wird.

Durch die Beitragserhöhungen steigen die Sozialabgaben 2011 auf mehr als 40 Prozent. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen für Rente, Pflege, Kranken- und Arbeitslosenversicherung ab 2011 Abgaben von 40,35 Prozent. Bei Kinderlosen summiert sich dies sogar auf 40,6 Prozent, da sie einen Sonderbeitrag für die Pflege zahlen. Vorsorglich haben Union und FDP in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass sie „die paritätisch finanzierten Lohnzusatzkosten“ unter 40 Prozent halten wollen. Rechnet man den Sonderbeitrag der Arbeitnehmer in der Krankenversicherung von 0,9 Prozent raus, dann landet man bei Sozialabgaben von 39,45 Prozent – und damit unter der Zielmarke.

In der Rheinischen Post Online wird in Aussicht gestellt, dass Arbeitnehmern gekündigt wird, wenn sie die Beitragssteigerungen nicht ohne die Arbeitgeber finanzieren:

Der Vize-Chef der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs (CDU), hat die von der Regierung geplante Anhebung des Beitragssatzes in der Krankenversicherung scharf kritisiert. “Eine Erhöhung der Lohnnebenkosten ist ein tödliches Spiel für Arbeitsplätze in Deutschland, das muss jeder wissen”, sagte Fuchs

[Hinweis: Der Politiker Michael Fuchs (CDU) und der Redakteur Michael Fuchs (Beste Private Krankenversicherung Nachrichten) sind zwei verschiedene Personen.]

Das Handelsblatt weiß zu berichten, dass sich über die Beschlüsse nur die Krankenkassen freuen:

Viele murren nun – nur eine Gruppe ist zufrieden.

Voraussichtlich zum 1. Januar will die Bundesregierung den allgemeinen Beitragssatz um 0,6 Prozentpunkte anheben. Der Arbeitnehmerbeitrag steigt dadurch von 7,9 auf 8,2 Prozent, der Arbeitgeberbeitrag von sieben auf 7,3 Prozent des Bruttolohns.

Für die Wirtschaft bedeutet dies Mehrbelastungen von fast drei Mrd. Euro bei den Lohnzusatzkosten. Die Rentenversicherung – de facto Arbeitgeber der Rentner – wird um eine halbe Mrd. Euro zusätzlich belastet. Ähnliches gilt für die Bundesagentur für Arbeit, die für Bezieher von Arbeitslosengeld den Krankenkassenbeitrag zahlen muss.

Die Hauptlast des für 2011 erwarteten Defizits in der gesetzlichen Krankenversicherung von elf Mrd. Euro müssen aber die 50 Millionen Beitragszahler tragen.

Nur die Kassen fanden Worte des Lobs. “Es ist gut für Versicherte und Beitragszahler, dass die Regierung jetzt endlich Kalkulationssicherheit schafft, auch wenn sich niemand über höhere Belastungen freut”, sagte AOK-Vize, Jürgen Graalmann dem Handelsblatt.

Bei Evangelisch.de wird darauf hingewiesen, dass durch die Beitragserhöhung Rentner zukünftig weniger Geld zur Verfügung haben werden:

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, wies auf den drohenden Kaufkraftverlust für Ruheständler durch steigende Beitragssätze hin. “Höhere Kassenbeiträge sind schmerzhaft für die Rentner. Dadurch wird die Renten-Nullrunde zur Minusrunde“, sagte sie der “Bild”-Zeitung (Samstagsausgabe).

Peter Stuckhard von der Neuen Westfälischen Zeitung kommentiert:

“Was jetzt diskutiert wird, ist also nichts anderes als die Umsetzung des Gesundheitsfonds, den sich die große Koalition ausgedacht hatte: Die Arbeitgeber zahlen 7,3 Prozent, die Arbeitnehmer ebenfalls 7,3 Prozent plus 0,9 Prozent Zusatzbeitrag, der am 1. Juli 2005 unter scham- und völlig skrupelloser Täuschung der Beitragszahler im Gesetz zur Finanzierung von Zahnersatz eingeführt wurde. Natürlich dient er längst der allgemeinen Finanzierung der Krankenkassen.

Der Fonds enthält noch eine weitere gesetzlich fixierte Automatik, von der man nur selten hört: Wenn er die Ausgaben der Krankenkassen zwei Jahre hintereinander zu weniger als 95 Prozent abdeckt, muss die Bundesregierung den Beitragssatz erhöhen. Sollten die Pläne verwirklicht werden, sind sie die exakte Weiterführung der Politik der großen Koalition. Und wieder heißt es : armer Minister Rösler! All das Gehampel könnte sich die Regierung sparen: Weg mit dem Fonds, weg mit dubiosen Zusatzbeiträgen, zurück zur Beitragsautonomie der Krankenkassen und damit zur Abstimmung ihrer Kunden mit den Füßen.”

Bei n-tv wird dazu die Frage beantwortet…

Können Versicherte bei einer Beitragserhöhung die Kasse wechseln?

Mit der Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes, was per Rechtsordnung geschieht, besteht Verbraucherschützern zufolge kein Sonderkündigungsrecht. Es gilt die gesetzliche Kündigungsfrist von zwei vollen Kalendermonaten. Eine uneingeschränkter Wechsel ist nach 18-monatiger Mitgliedschaft in der bisherigen Kasse möglich. Diese Bindungsfrist entfällt, wenn die Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt oder erhöht. Dann haben die Versicherten ein Sonderkündigungsrecht. Achtung: Für Versicherte mit einem freiwilligen Wahltarif etwa mit Selbstbehalt gilt das Sonderkündigungsrecht nicht. Sie bleiben drei Jahre gebunden.

Sieter Sattler, Frankfurter Neue Presse, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und kommentiert:

Abgesehen davon, dass die Anhebung der Kassenbeiträge fantasielos wäre, geschehe sie möglicherweise auch noch ohne wirkliche Not. Zuletzt hatte es immer geheißen, dass es im nächsten Jahr ein 11-Milliarden-Finanzloch bei den Kassen geben würde. Doch da war man noch von einer anhaltenden Wirtschaftskrise ausgegangen, die aber Fachminister Brüderle (FDP) jetzt für beendet erklärt hat. Der Finanzexperte des Instituts für Weltwirtschaft, Alfred Boss, geht davon aus, dass angesichts der sich neu abzeichnenden positiven Entwicklung von Konjunktur und Arbeitsmarkt das Defizit von Kassen und Gesundheitsfonds viel geringer ausfällt als bisher errechnet. Er glaubt, dass «nur» 3,4 Milliarden Euro fehlen werden. Das wären 2,1 Milliarden Euro mehr als dieses Jahr – die allein mit den etwa in dieser Höhe geplanten Einsparungen bei den Arzneimittelpreisen auszugleichen wären.

Die Koalition sollte noch einmal ernsthaft prüfen, ob die zusätzlichen Belastungen den Beitragszahlern nicht doch erspart werden können. Ansonsten müsste man fragen, ob die FDP politisch und inhaltlich jetzt endgültig abtauchen wolle. Dass man ihr vorwarf, sich nur um Steuer- und Beitragssenkung und nichts anderes zu kümmern, heißt noch lange nicht, dass sie ihr Kernthema völlig vergessen sollte. Was bliebe ansonsten noch von der FDP übrig – und vom Bruttoeinkommen der Steuerzahler?

Der Kommentar von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio, bei Tagesschau.de sieht die Beitragserhöhungen als notwendig um Zeit zu gewinnen, in der die Politiker sich etwas sinnvolles ausdenken können:

Ein Eingeständnis des Scheiterns
Warum nicht gleich so?
… Schwarz-Gelb muss die Beiträge erhöhen
Damit wird letztlich nur ein Teil des zweiten Konjunkturpaketes zurückgenommen.
Die Entscheidung ist nicht die Lösung für die Finanz- und Strukturprobleme im Gesundheitssystem. Aber derzeit der einzige Ausweg aus der völlig verfahrenen Situation. Die Koalitionspartner hatten sich mit ihren Forderungen eingemauert. Jetzt haben sie die Zeit abzurüsten, um dann in Ruhe noch einmal von vorne anzufangen mit einer schwarz-gelben Gesundheitspolitik.

Im Greenpeace Magazin äußert sich Stefan Müller (CDU) ähnlich:

Die Koalitionspläne für höhere Kassenbeiträge können aus Sicht des CSU-Politikers Stefan Müller die Finanzprobleme im Gesundheitssystem nicht dauerhaft lösen. «Die Reform löst vor allem kurzfristige Probleme»

Der CSU-Politiker forderte die Koalition auf, die Zweifel der Bürger an der Koalition als Warnsignal aufzufassen. «Die Umfragen zeigen eine Verunsicherung der Bürger. Das muss man ernst nehmen. Da haben wir auch unseren Beitrag zu geleistet. Deshalb müssen wir bei der Gesundheits- und der Energiepolitik im Herbst zu Entscheidungen kommen. Den Beweis müssen wir antreten», sagte Müller.

Und Jörn Boewe stellt bei JungeWelt.de fest, dass die aktuelle Entwicklung gewollt ist:

Systematisch ruiniert
Die Unterfinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen schreitet voran – man kann sagen: nach Plan.
Spätestens im nächsten Jahr wird der Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung wohl nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall sein.

Damit sind dann zwar die Fi­nanzprobleme im Gesundheitswesen nicht gelöst. Aber das traditionelle System der paritätischen Finanzierung der Sozialkassen – »Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber« zahlen jeweils die Hälfte –wird ein paar Grad weiter in die Schieflage rutschen. Für die abhängig Beschäftigten ist das alles andere als erfreulich. Aber fürs Unternehmerlager schlechthin und insbesondere die private Versicherungswirtschaft ist es ein weiterer Schritt in die bewährte Richtung. Wer das für Verschwörungstheorie hält, sollte einen Blick in die einschlägigen Strategiepapiere der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände werfen. Oder einen Vortrag von, sagen wir, Friedrich Merz, über private Vorsorge mit Renditechancen besuchen.

Das chronische Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung kommt nicht überraschend und ist offenkundig auch politisch gewollt. Wie der Sozialverband Deutschland berechnete, würde es das Budget der Kassen um zehn Milliarden Euro entlasten, wenn die Bundesregierung »versicherungsfremde Leistungen« (wie etwa die beitragsfreie Mitversicherung für Familienmitglieder) aus Steuermitteln finanzieren würde. Die Studie wurde bereits vor zwei Jahren vorgelegt.

Wolfgang S. Rettich nennt in seinem Blog die Ursache des Problems:

Das Bruttoinlandsprodukt der BRD stieg von 2000 mit 2.062,5 Milliarden Euro auf 2.492,0 Milliarden Euro in 2008. Das ist eine Steigerung von ca. 20,82 %. Die Einnahmen aller Gesetzlichen Krankenkassen betrugen in 2000 ca. 133,8 Milliarden Euro und in 2008 ca. 161,7 Milliarden Euro. Auch hier eine Steigerung um ca. 20,85 %. Die gleiche Steigerung ist auch bei den Ausgaben aller GKV zu betrachten.

Betrachten wir uns noch die Entwicklung der Löhne zwischen 2000 und 2008. Wie allgemein bekannt ist, werden Krankenkassenbeiträge von ArbeitnehmerInnen gezahlt und das – wie oben dargestellt – prozentual von ihren Arbeitseinkünften.

In 2000 betrug das Arbeitnehmerentgelt aller Beschäftigten in der BRD rund 1.100,1 Milliarden Euro brutto. Dies steig bis 2008 auf 1.225,8 Milliarden Euro brutto. Demnach stieg das Arbeitnehmerentgelt zwischen 2000 und 2008 nur um ca. 12.72 %.

Wenn nun aber die Einnahmen der GKV über die Einkünfte der Erwerbstätigen erzielt werden und die Einnahmen um 20,85 % gestiegen sind und die Einkünfte der Erwerbstätigen nur um 12,72 % gestiegen sind, muss der Beitragssatz erhöht werden.

Fazit: Die Berechnungsgrundlage hat in den letzen Jahren nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritt gehalten. Die Löhne sind nicht so gestiegen wie sie hätten steigen müssen!

Presseschau: Widersprüchliches zur Kopfpauschale

Monday, May 31st, 2010

Niemand bezweifelt, dass dringender Handlungsbedarf besteht, weil die Krankenkassen in großen und weiter zunehmenden Finanznöten sind. Doch die von Gesundheitsminister Rösler (FDP) geplante Reform der Finanzierung gesetzlicher Krankenversicherungen (GKV) wird in Politik und Medien kontrovers diskutiert.

Je nachdem, wer sich dazu äußert, wird Röslers Vorschlag entweder Gesundheitsprämie oder Kopfpauschale genannt, als gerecht oder als unsozial beschrieben, als kostenneutral oder als unfinanzierbar eingeschätzt, als sicher kommend oder als bereits verworfen abgehakt.

Die teilweise sehr widersprüchlichen Aussagen haben nicht nur mit den stark unterschiedlichen Interessen der Akteure und Diskussionsteilnehmer zu tun, sondern auch damit, dass in den vergangenen Tagen und Wochen verschiedene Varianten geplanten Zusatzbeiträge für Kassenpatienten vorgeschlagen wurden.

Eine Auswahl der jüngsten Entwicklungen mit den interessantesten Schlagzeilen und Artikeln zum Thema:

21.05.2010 – Portal der WirtschaftsWoche
Gesundheitsfonds? Verfehlte Konstruktion
“Solange der Zusatzbeitrag auf maximal ein Prozent des Gehalts begrenzt ist, wird er so oder so nicht reichen, um das Milliardendefizit zu verhindern. Die Politik muss von den Versicherten eine adäquate Gegenleistung für ihre gute medizinische Versorgung verlangen. Der Beitrag muss anders festgelegt und die kostenlose Mitversicherung der Familienangehörigen überdacht werden.”

26.05.2010 – Welt Online
Mehr Steuern sollen Krankenkassen retten
“Spannend finde ich den Gedanken, die Sozialbeiträge radikal zu senken und sie durch in der Spitze höhere Steuern zu ersetzen.”

27.05.2010 – Hans Böckler Stiftung
Kopfpauschale Sozialausgleich: mindestens 250 Millionen Euro Verwaltungskosten pro Jahr
“Und Einmalausgaben für den Aufbau der Verwaltung sind in der Schätzung noch nicht einmal enthalten. Weitere gravierende Probleme prognostizieren die Fachleute beim Datenschutz und mit säumigen Prämienzahlern. Denn in den Nachbarländern ist zu beobachten, dass mit der Höhe der Pauschale auch die Zahl der Nichtzahler wächst.”

27.05.2010 – Focus Money Online
Kassenpatienten müssen tapfer sein
“Um allein ihr diesjähriges Minus auszugleichen müssten die Krankenkassen entweder die Beitragssätze spontan um 1,1 Prozentpunkte erhöhen, den Versicherten jeden Zahnarztbesuch sowie den gesamten Zahnersatz versagen – oder bei jedem dritten Arztbesuch die Zahlung verweigern. Derartiges wird aktuell zwar noch nicht diskutiert. Doch die Hemmschwelle sinkt. Theoretisch ließe sich im Gesundheitswesen so ziemlich alles wegrationalisieren, solange nur der politische Wille vorhanden ist. Ein Blick ins Ausland zeigt, was alles denkbar ist.”

27.05.2010 – Focus Online
Rösler: Gesundheitsprämie kommt
“Es hakt nicht, im Gegenteil. Der Einstieg in eine Teilprämie mit Sozialausgleich kommt.”

28.05.2010 – Reuters
Unmut in Union über angebliches Prämien-Konzept Röslers
“Der Grund ist ein Medienbericht mit Details aus seinem bislang unter Verschluss gehaltenen Konzept zur Einführung von Kopfpauschalen. Demnach müssen sich die 50 Millionen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung auf erhebliche Zusatzlasten einstellen.”

28.05.2010 – Reuters
CSU warnt Rösler vor Zusatzlasten für gesetzlich Versicherte
“Eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze bedeutet für die Mittelschicht erhebliche Beitragssteigerungen. Es besteht die Gefahr, dass freiwillig gesetzlich Versicherte in großer Zahl zu einer privaten Krankenkasse wechseln, wenn nicht zugleich die Versicherungspflichtgrenze angehoben wird. Dann würden sich die erhofften Mehreinnahmen in der gesetzlichen Krankenversicherung schnell in Luft auflösen.”

28.05.2010 – Focus Money Online
Aderlass bei Gutverdienern
“Laut dem Bericht plant Rösler, die Gehaltsobergrenze, bis zu der Versicherte Beiträge bezahlen müssen, deutlich anzuheben. Derzeit liegt diese sogenannte Beitragsbemessungsgrenze bei 3750 Euro.”

28.05.2010 – Der Westen
Ungerechte Kopfpauschale
“Es läuft darauf hinaus, dass die Arbeitgeberbeiträge zur Krankenversicherung eingefroren werden. Alle Kostensteigerungen im Gesundheitswesen müssen in Zukunft allein von den Versicherten selber getragen werden. Das ist im Kern eine Lohn- und Gehaltskürzung, keine Gesundheitspolitik und schon gar kein Gerechtigkeitsfortschritt. Am Ende soll eine Kopfpauschale stehen.”

28.05.2010 – Spiegel Online
Pläne für Kopfpauschale nehmen konkrete Formen an
“Abweichend von Röslers ursprünglichen Plänen solle der Sozialausgleich nicht mit Steuergeldern finanziert werden, sondern über das Beitragssystem. Der Beitragssatz bliebe dabei aber unverändert bei 14,9 Prozent, 7,0 Prozent bezahlen die Arbeitgeber, 7,9 Prozent die Arbeitnehmer.”

28.05.2010 – Welt Online
Rösler: Die Gesundheitsprämie kommt
“In der Regierungskoalition gibt es noch keine einheitliche Linie, ob und wie die Gesundheitsprämie kommen soll. Innerhalb der Union und auch zwischen Union und FDP gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen.”

29.05.2010 – Stuttgarter Zeitung
Rösler will Gutverdiener stärker zur Kasse bitten
“Das erinnert sehr an die Einführung des Gesundheitsfonds. Man macht nicht etwas wirklich Richtiges, aber man bekommt damit das Thema vom Tisch, und die Beteiligten können ihr Gesicht wahren.”

29.05.2010 – Zeit Online
Gabriel spricht sich gegen Kopfpauschale aus
“Rösler hat erkannt, dass die gigantischen Beträge für den Sozialausgleich der Kopfpauschale aus Steuergeldern nicht aufzubringen sind. Wenn aber die Gesamtzahl der Steuerzahler diesen Ausgleich nicht aufbringen kann, wie soll es dann die deutlich geringere Zahl der Beitragszahler?”

29.05.2010 – Welt Online
Gesundheitsminister Rösler verwirrt die Koalition
“Während SPD, Grüne und Linke die von Rösler geplante Gesundheitsprämie insgesamt ablehnen, richtet sich die Kritik aus der Koalition gegen die Beitragserhöhungen, die der Minister im Zusammenhang mit der Prämie erwägt.”

29.05.2010 – Focus Online
Streitfall Kopfpauschale
“Die Prämie wird im Grunde nicht gebraucht. Sie verursacht nur zusätzliche Bürokratie.  Zur Deckung der Defizite kann auch der allgemeine Beitragssatz angehoben werden. Dieser war wegen der Wirtschaftskrise von 15,5 auf 14,9 Prozent gesenkt worden.”

29.05.2010 – TAZ
Immer absurder
“Röslers neuer Plan überrascht. Anfangs verfolgte der Gesundheitsminister mit der Kopfpauschale das Ziel, die Löhne von den steigenden Kosten im Gesundheitssystem zu entkoppeln. Das sollte Arbeitgeber entlasten und Lohnkosten senken. Die Grundprämissen – eine von allen zu zahlende einheitliche Pauschale, die durch Steuermittel sozial abgefedert ist – fallen in sich zusammen.”

30.05.2010 – Sueddeutsche Zeitung
Kopfpauschale ist tot
“Nun soll der Ausgleich zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Kassenmitgliedern im Beitragssystem erfolgen. Wie aus CSU-Kreisen verlautete, habe sich Rösler damit vom Ziel eines grundlegenden Systemwechsels verabschiedet. Jetzt gehe es im Grunde nur noch um die Ausgestaltung einer Beitragserhöhung.”

31.05.2010 – Deutsches Verbände Forum
DGB fordert CDU/CSU zum Stopp der Kopfpauschale auf / Kompromiss “vergiftetes Angebot”
“Nach dem aktuellen Kompromissangebot würde die unsoziale Kopfpauschale sogar ohne jeden Ausgleich eingeführt werden. Damit droht den 70 Mio. Versicherten eine ungeahnte Belastungswelle, die Geringverdiener sowie Rentnerinnen und Rentner besonders hart treffen würde. Dies wäre der Anfang vom Ende der Solidarität in der Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Das A und O einer gerechten Finanzreform der GKV ist die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung, dass die Arbeitgeber wieder die vollen paritätischen Beiträge zahlen. Die Mehrbelastungen der Versicherten von 15 Mrd. Euro pro Jahr ist durch nichts zu rechtfertigen. Mit einem solchen Solidaritätspakt lassen sich die Defizite decken, Zusatzbeiträge oder gar die Kopfpauschale spielend vermeiden und die Finanzierung der GKV langfristig stabilisieren, ohne dass Leistungen gestrichen oder privatisiert werden.”

Streit in CDU über Steuergelder im Gesundheitssystem

Wednesday, May 19th, 2010

Wie der Kölner Stadt Anzeiger heute in einer Vorabmeldung berichtet, ist in der CDU ein Streit über die Steuerzuschüsse der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entbrannt.

Jens Spahn

Jens Spahn (Foto: cducsu.de)

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, sprach sich energisch gegen Vorschläge aus den eigenen Reihen aus, die gesetzlich festgelegte Steigerung des Steuerzuschusses in Höhe von 1,5 Milliarden Euro jährlich zu stoppen:

“Jeder Euro, der beim geplanten Zuschuss fehlt, erhöht das Defizit der GKV”, sagte Spahn dem “Kölner Stadt-Anzeiger” (Mittwoch-Ausgabe). Es bringe nichts, das Defizit des Bundeshaushalts durch ein wachsendes Defizit der GKV zu ersetzen.

Zudem sei der anwachsende Steuerzuschuss ausdrücklich zur Finanzierung der beitragsfreien Kindermitversicherung eingeführt worden. “Das ist keine beliebige Manövriermasse”, sagte Spahn.

Unionsfraktionsvize Michael Meister sowie der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Norbert Barthle, hatten zuvor in der “Rheinischen Post” gefordert, die Steigerung des Steuerzuschusses müsse angesichts des Spardrucks auf den Prüfstand gestellt werden.

[Quelle: Kölner Stadt Anzeiger]

GKV: Es muss gespart werden

Friday, May 14th, 2010

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) steuert auf das größte Defizit ihrer Geschichte zu. Bis zu 15 Milliarden Euro werden im kommenden Jahr den Krankenkassen fehlen. Deshalb plant die CDU jetzt erhebliche Sparmaßnahmen bei Krankenhäusern und Ärzten.

Ministeriumssprecher Christian Lipicki sagte heute in Berlin, dass solche Maßnahmen wegen des bestehenden “Handlungsdrucks” in nächsten Wochen und Monaten diskutiert und geprüft werden. Lipicki ist seit Anfang 2010 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bundesministerium für Gesundheit. Davor war er Abteilungsleiter Kommunikation beim Bundesverband Deutscher Banken.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU) erklärt in der Zeitung “Die Welt”, dass eine Erhöhung des von gesetzlich Versicherten gezahlten Beitragssatzes von derzeit 14,9 Prozent “die allerletzte Option” ist. Das Budget solle nicht gekürzt, sondern dessen Anstieg in den kommenden Jahren gebremst werden:

Johannes Singhammer

Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Johannes Singhammer (CSU)

“Ziel muss es sein, durch die verschiedenen Maßnahmen die Hälfte der fürs nächste Jahr erwarteten Ausgabensteigerungen zu vermeiden. Das wäre ein Volumen von mindestens 4 bis 5 Millarden Euro.”

Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) sprach sich ebenfalls für einen strikten Sparkurs aus, um Insolvenzen der gesetzlichen Krankenkassen zu vermeiden. Die bisher bei Arzneimitteln beschlossenen Sparmaßnahmen in Höhe von 1,5 Millarden Euro seien nicht ausreichend, um die Finanzierungslücke zu stopfen.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat ein Arzneimittelsparpaket auf den Weg gebracht, das in diesem Jahr Kosten in Höhe von 0,5 Millarden Euro einsparen soll. Er plant eine Reform der Krankenkassenfinanzierung, die auf eine pauschale Gesundheitsprämie für gesetzlich Versicherte hinausläuft. Der Arbeitgeber-Anteil an den Beiträgen soll dabei nicht über 7 Prozent steigen.

Philipp Rösler

Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP)

Der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz, begrüßte die vorgeschlagenen Sparmaßnahmen. “Es ist gut und notwendig, dass die gesetzliche Krankenversicherung entlastet werden soll.”

Von den 170 Millarden Euro, die 2009 in die Gesetzliche Krankenversicherung flossen, entfielen 56,4 Milliarden Euro auf Behandlungen im Krankenhaus und 30,6 Millarden Euro auf die ambulante Versorgung.

Die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern verlangen 5 Prozent mehr Gehalt und wollen ab Montag für ihre Forderung streiken.

[Quellen: Bundesministerium für Gesundheit, DPA, Die Welt, Handelsblatt, Holtzbrinck-Schule, Wikimedia]